Wien, 23.1.: Die Frau im Kapitalismus

diefrauimkapitalismus

Die Frau im Kapitalismus:
Anerkennung von „Frauenproblemen“ statt Kritik an deren Gründen

Referentin: Prof. Dr. Margaret Wirth

So ziemlich alle Welt ist sich heutzutage einig: Um Frauen muss sich in unserer Gesellschaft besonders gekümmert werden; dieser Teil der Menschheit benötigt eine besondere Betreuung. Die wird ihr auch lebhaft zuteil: Noch jede gesellschaftliche und politische Organisation lobt sich dafür, Frauen besondere Berücksichtigung zuteil werden zu lassen. Es gibt Frauenbeauftragte, Gleichstellungsbeauftragte, Quotenregelungen, selbst in der Sprache dürfen sich Frauen inzwischen gleichberechtigt vertreten sehen. Als Frau darf man sich überall zu Wort melden, sich auf eine besondere Betroffenheit berufen und Berücksichtigung einfordern. Dass jemand, der irgend etwas will oder sich über etwas beschwert, dies als Frau, unter Berufung auf die Geschlechtszugehörigkeit beruft, gilt als Argument, das ganz für sich dazu berechtigt, ein Anliegen geltend zu machen – ganz getrennt davon, in welchem Zusammenhang es geäußert wird und welchen Inhalt das Anliegen hat. So wird den Problemen, die Frauen haben Respekt entgegengebracht: es wird betont, dass man sie ernst nimmt. Selbst in der Wissenschaft ist das Thema „Frau“ bzw. wie es moderner heißt „gender“ zu einem eigenen Theorie- und Forschungszweig ausgebaut worden, wo sich hauptsächlich Wissenschaftlerinnen des Themas Mann – Frau annehmen.
Die Anerkennung, die die Frauenfrage inzwischen bis in höchste politische Gremien hinein genießt, gilt auch bei Kritikern der Gleichberechtigung als Fortschritt der Frauenbewegung.
Dabei merkt noch jeder, dass diese Anerkennung in Kontrast dazu steht, wie es den allermeisten Frauen nach wie vor tatsächlich geht. Ein paar Hinweise:

  • Nach wie vor sind Frauen in höheren Berufen, wie es so schön heißt, „unterpräsentiert“, Quote hin oder her.
  • Wenn ein Arbeitgeber Frauen schlechter bezahlt, darf er vor Gericht nicht das Geschlecht als Grund nennen. Das gilt dann als Diskriminierung und ist verboten; die schlechtere Bezahlung an „Frauenarbeitsplätzen“ und in „Frauenberufen“ gibt es weiter.
  • Überall gibt es staatlich geförderte Frauenhäuser; Eheterror und Prügelszenen sind ebenso wenig beseitigt wie die Doppelbelastung durch Kindererziehung und Beruf.
  • Härtere Strafen für Vergewaltigung führen nicht dazu, dass die Vergewaltiger aussterben.
  • Usf.

Dafür, dass solche Probleme trotz rechtlicher Gleichstellung weiterhin auftreten, kursiert eine Erklärung: Hier wirken angeblich Vorurteile weiter. Die seien es, die verhindern, dass Frauen die ihnen von Rechts wegen zustehende gesellschaftliche Stellung erlangen. Solche „alten Verhaltensmuster“ müsste man, so heißt es, beseitigen, dann wäre die Sache der Frau schon auf dem rechten Weg. Dabei fällt auf:
Erstens scheinen diese „Verhaltensmuster“ ziemlich hartnäckig zu sein. Noch soviel gut gemeinte Aufklärung, noch soviel Anstrengungen, den Frauen die ihnen zustehende Wertschätzung zu verschaffen, scheint da wenig zu bewirken. Warum ist das so?
Zweitens herrscht gar nicht Einigkeit darüber, wie die zur Frau „passende“ gesellschaftliche Stellung eigentlich auszusehen hätte, wofür die Frau denn wertgeschätzt werden sollte. Ob da mehr die Gleichheit oder die Differenz zu „Männern“ im Vordergrund stehen sollte, ob besondere „weibliche“ Eigenschaften und Leistungen anzuerkennen sind oder eher die Fähigkeit von Frauen, wie Männer ihren Mann im Berufsalltag zu stehen – darüber wird munter in Talkshows und Uni-Seminaren gestritten. Aber vielleicht ist ja schon die Frage verkehrt?
Gegen die Behauptung einer immer noch fehlenden „echten Gleichberechtigung“ und einer „Diskriminierung der Frau“ sollen im Vortrag folgende Gegenthesen entwickelt werden:
Erstens: Die Forderung nach Gleichberechtigung geht an den Gründen für die Schlechterstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt ebenso vorbei wie an den Gründen für die unschönen Formen, die das Leben zu zweit gelegentlich annimmt. Dass die rechtliche Gleichstellung die Lage der meisten Frauen nur unwesentlich verbessert, liegt daran, dass die rechtliche Ungleichheit gar nicht der Grund für diese Lage ist.
Zweitens geht auch die Auffassung an der Sache vorbei, die „Diskriminierung der Frau“ läge am Weiterbestehen eigentlich längst überholter „Verhaltensmuster“ bei Personalchefs und oder Männern überhaupt. Solche „Vorurteile“ sind vielmehr die zur kapitalistischen Konkurrenz genau passende Geisteshaltung, mit der Mann wie Frau den Leistungsansprüchen von Kapital und Staat unterworfen werden.

23.1.2014
Donnerstag 19:00
NIG, Hörsaal 3, Universitätsstr. 7, Universität Wien
GegenStandpunkt Vortrag & Diskussion

Advertisements

Stichwort „Familienprinzip“

Das Leben der Lohnabhängigen ist hart. Wenn sie keinen Job finden, haben sie kein Geld, um Einkaufen zu gehen oder eine Wohnung zu mieten. Wenn sie einen Job finden, dann kommt dabei meist nicht sonderlich viel rum – vor allem aber droht ständig die Kündigung. Sowieso kriegt man einen Job nur, wenn es sich für das Unternehmen rentiert; aus Liebenswürdigkeit wurde noch kein Arbeitsplatz der Welt geschaffen. Und weil Lohnkosten ein Abzug vom Gewinn und auch ein Konkurrenznachteil sind, fällt die viel beschworene „Verantwortung der Unternehmen für Arbeitsplätze“ zusammen mit der Verantwortung für Lohnsenkung und Kündigung. Es ist von daher nicht verwunderlich, dass so gut wie jeder Lohnabhängige über Phasen der Arbeitslosigkeit berichten kann, also Phasen, in denen überhaupt kein Geld mehr rein gekommen ist. Aber man hat ja die Familie, auf die kann man sich verlassen …

Das „Familienprinzip“ kennen die Politiker nur zu gut – denn sie sind es, die dieser Zweckgemeinschaft zu stets hohem Ansehen verhelfen. Denn es ist die kapitalistische Not, die oftmals eine familiäre Nähe erzwingt, wo sie von den Betreffenden gar nicht gewünscht ist.
In einem Land, in dem Politiker unterm Schlagwort „Wettbewerbsfähigkeit“ die Lohnabhängigen immer mehr verarmen, in dem zum Zwecke der Standortsicherung Sozialtransfers noch und nöcher gekürzt werden, sind viele froh, wenn zu lesen ist, dass wenigstens „der Oma-Transfer funktioniert“.

Ob man mit dem „rettenden Strohhalm“, der einem da entgegenkommt, überhaupt gut bedient ist, steht nicht zur Debatte. Derweilen stellen sich hier gleich zwei Fragen:
1. Verfügt die Familie überhaupt über den Stoff, auf den es im Kapitalismus ankommt – also Geld? Und ist in diesem Zusammenhang vielleicht festzustellen, dass das Familienprinzip nur denen wirklich nützt, deren Verwandtschaft reich ist – und bereit den Reichtum zu teilen?
2. Wieso sollte man mit jemandem zusammenrücken, den man vielleicht gar nicht ausstehen kann? Wieso sollte eine Frau bei einem Mann bleiben, den sie nicht mehr ausstehen kann, der ihr vielleicht sogar Gewalt antut – und umgekehrt? Wieso sich Kinder um Eltern kümmern, die sie schlecht behandelten in ihrer Kindheit? Wieso sollte man mit der Nazi-Oma kuscheln wollen?

Tatsache ist: Auf das Familienprinzip als Strohhalm sind all jene angewiesen, die aufgrund ihres Lohnabhängigen-Status mit Armut konfrontiert sind. Wer reich ist, braucht es nicht. Und wer es braucht, ist schlecht bedient: denn meist verfügt die Familie auch nicht über Geld; auch wird man damit in eine Notgemeinschaft gezwungen.

Wieso redet die Politik dann trotzdem gerne von der Familie? – Aus dem bereits genannten Grund: Wer Sozialabbau als Standortaufbau betreibt, fordert eben auch, dass die Familie „weiter gedacht werden (müsse)“, nämlich bis hin zu Nichten, Neffen, Tanten und Onkel. Da tun sich ganz neue Notkuschelgemeinschaften auf.

HörtippDie gesellschaftliche Institution Familie – Ort des Glücks, des Psychoterrors und des Amoklaufs

Hörtipp: Thilo Sarrazin und seine Kritiker

Eine Debatte über deutsche Bevölkerungspolitik: dumm und gemein
Und was ist und macht deutsche Bevölkerungspolitik?

Teil 1. Die Botschaft von Th. Sarrazin
Teil 2. Zwei Abteilungen von Volksschädlingen
Teil 3. Seine verfehlte Kritik an Gemeinheiten staatlicher Politik
Teil 4. Sein Rettungsplan und wie er sich von demokratischer Sozial- und Ausländerpolitik (nicht) unterscheidet
Teil 5. Die öffentliche Debatte über das Werk
Teil 6. Diskussion und Nachträge

Der Vortrag von F. Huisken ist hier downloadbar; man kann ihn sich aber auch direkt online anhören.

Deutsches Wirtschaftswunder

Es geht aufwärts. Nur wo? In der Stadt sehe ich immer mehr Menschen, die in Mülleimern wühlen und / oder betteln. Und seit einiger Zeit auch immer mehr gut gekleidete, aber verhärmte Frauen, die mit zaghafter Stimme um ein paar Cent bitten.

Quelle: Querschüsse

PS: Wachstum – was ist das und wie kommen dabei Lohnabhängige vor (Tipp: schlecht)?