Die alternative Konsequenz von umsganze

Das linksradikale Bündnis umsganze hat mal wieder eine Kampagne, diesmal unter dem Titel „There is an alternative – Kommunismus statt Schweinesystem„, gestartet. Wie schon der Kampagnentitel sagt, soll es in dieser hauptsächlich darum gehen, eine Alternative aufzuzeigen, denn es mangele den sozialen Bewegungen nicht an der Kritik, sondern die wüssten bloß nicht um die richtige Konsequenz dieser:

Der von den unterschiedlichen sozialen Bewegungen vorgebrachte Hinweis auf die vom Kapitalismus produzierten Verwerfungen und Katastrophen ist und bleibt richtig, nur folgt daraus kaum mehr der Hauch einer Veränderung. Dass der Kapitalismus in aller Munde und seine Kritik billig zu haben ist, ändert daran nichts. Unklar bleibt nämlich, was die Konsequenz sein müsste.

Das ist schon etwas verwunderlich, denn die zu ziehende Konsequenz ergibt sich doch erst aus der Kritik: man stört sich an etwas, macht Ursachen dafür aus und versucht in Folge dessen, diese zu beseitigen. Ein Streit um die richtigen Konsequenz, ohne vorher die Kritik geklärt zu haben, ist folglich sinnlos. Was hat umsganze also als Gründe für „die vom Kapitalismus produzierten Verwerfungen und Katastrophen“ ausgemacht und warum wähnen sie sich darin mit den sozialen Bewegungen so einig, dass man mit ihnen nur über eine alternative Konsequenz oder eine konsequente Alternative streiten müsste? Und worin besteht die von umsganze eingeforderte richtige Konsequenz überhaupt?

Die Krise spielt die zentrale Rolle in der Kapitalismuskritik von umsganze. Erst durch diese und die Politik zu ihrer Lösung, würde wirklich Elend produziert werden:

Stattdessen hat sich ein neues ökonomisches Regime herausgebildet, eine veränderte Ordnung auf niedrigerem Niveau. […] Die konkreten, realen kapitalistischen Verhältnisse des Jahres 2014 halten für viele nur ein prekäres Leben bereit und sabotieren das gute Leben.

Es ist jedoch nicht erst seit 2014 so, dass das Leben von Lohnabhängigen nicht schön, aber dafür prekär ist, sondern das ist diesem Status immanent. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie in Abhängigkeit davon stehen, von Kapitalisten für die Vermehrung ihres Kapitals gebraucht zu werden und für diese dabei bloß eine zu minimierende Kost darzustellen? Umsganze macht hingegen „das gute Leben“ als moralischen Höchstwert auf, den man doch einfach teilen müsse und um den es auch im Kapitalismus irgendwie gänge. Weshalb es skandalisiert, dass die Krisenpolitik nicht nur nichts zu diesem Höchstwert beitragen, sondern ihn gar „sabotieren“ würde. Staat, Kapital und Nation haben aber gar nicht den Zweck, diesem Höchstwert zu schaden und daher aktiv seine Umsetzung zu verhinden („ihn sabotieren“), sondern der kommt bei ihren Zielen (Kapitalakkumulation, Erfolg in der Staatenkonkurrenz) schlicht nicht vor. Das merkt umsganze einerseits auch, wenn es die Krisenpolitik und deren Folgen schildert, hält aber anderseits dabei immer hoch, dass das eigentlich doch gar nicht sein müsste und furchtbar ungerecht wäre:

Denn die Lösung der Krise bedeutet die Vergesellschaftung der Krisenkosten. […] [D]ie Infrastruktur wird privatisiert, staatliche und kommunale Leistungen werden gestrichen, die Löhne sinken, die Kreditrisiken werden jedoch vergesellschaftet.

Unterschrieben ist damit, dass es weiter Gewinne geben soll, nur solle die Gesellschaft mehr von diesen profitieren, während ihre Hauptnutznießer gefälligst auch das Risiko von Verlusten tragen sollen. Und schon wäre trotz der Lohnabhängigkeit der Massen, das schöne Leben im Kapitalismus da anstatt sabotiert. Mit dieser Diagnose ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass sich umsganze mit den sozialen Bewegungen lediglich um die richtige Konsequenz aus dieser streiten will. Doch – bei der Identität der Kritik wenig verwunderlich -, kommt auch die von umsganze angeführte Konsequenz seltsam bekannt vor. Auf dem Plan stehen Gipfelhopping, um angesichts der Treffen derjenigen Institutionen, die lauter Ungerechtigkeiten beschlössen, auf die eigene Empörung darüber aufmerksam zu machen, sowie lokale Organisierung, um eine alternative Gegenkultur dazu aufzubauen:

Unter anderem gilt es daher die Institutionen, die die Sachzwänge exekutieren und auf alle Ewigkeit verlängern wollen, in Zukunft stärker zu konfrontieren und in ihrer Vollstreckerrolle anzugreifen. Doch wir wissen auch, dass diese Aktionen letztlich wirkungslose Eventmobilisierungen und Symbolik bleiben, wenn sie sich nicht stärker transnational in soziale Kämpfe einfügen und im Alltag verankern.

Der ganze Unterschied besteht darin, dass umsganze das alles als Kämpfe ums ganze (was sonst?) bezeichnet und mit kommunistischer Politfolklore überzieht:

Die nun auf Dauer gestellten Folgen des Austeritätsregimes durchziehen jeden Winkel der Gesellschaft und jedes einzelne Leben. Das hat Konsequenzen für alle linksradikale Politik: Wir müssen von nun an jeden politischen Kampf als einen Kampf ums Ganze führen. […] Wenn es irgendwann mal fertig ist, werden wir es vielleicht Kommunismus nennen: kein Ideal, nach dem sich die Wirklichkeit zu richten hatte, sondern eine wirkliche Bewegung, welche den gegenwärtigen Zustand aufgehoben und überwunden hat. Diese Bewegung gilt es zu entwickeln – denn kein höheres Wesen wird uns diese Aufgabe abnehmen.

Das machen die sozialen Bewegungen allerdings nicht – und sparen sich so zumindest diesen Fehler.

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5 Gedanken zu “Die alternative Konsequenz von umsganze

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  3. Das ist schon etwas verwunderlich, denn die zu ziehende Konsequenz ergibt sich doch erst aus der Kritik: man stört sich an etwas, macht Ursachen dafür aus und versucht in Folge dessen, diese zu beseitigen.

    Das ist kompletter Unsinn. Erkläre doch einmal, wie Du die Ursachen des von Dir ausgemachten Störenden im Kapitalismus „beseitigen“ willst?! Ohne, dass man die Selbstauffassung pflegt, man wäre soetwas wie das Subjekt, das es in der Hand hat als „Ursache“ der Zurückweisung eigener Interessen ausgemachte fremde Bewusstseiunszustände und Zwecke zu „beseitigen“, kommt man nicht dazu sich die Gesellschaft als so einen „Apparat“ vorzustellen, der nur der eigenen, verändernden Einwirkung bedarf, um von seinen Mängeln kuriert zu werden. Dem Satz liegt also eine sehr grundsätzliche Fehleinschätzung dessen zu Grunde, was überhaupt in Deiner Macht steht!
    Was Du angesichts der von Dir ausgemachten Mängel tust ist schon in der Feststellung dieser Umstände als „Mangel“ (Wovon?) enthalten: Du weist Anderen gegenüber auf sie hin, wenn auch mit der verkehrten, entstellenden Idee, das wäre ganz das Gleiche, wie diese Mängel zu beseitigen bzw. in erster Schritt in diese Richtung. Und auf die Art nimmst Du als Vertreter Deiner Sorte Kritik an der Gesellschaft teil. Was dann daraus wird, hast Du nicht in der Hand.

  4. 1.) Dass man die Ursachen „IM Kapitalismus“ beseitigen könnte, steht da nirgends, sondern das trägst Du heran. Von daher geht es auch nicht darum, am „Apparat“ demokratischer Kapitalismus ein paar Hebel anders einzusetzen oder dergleichen. Ebensowenig ist von „Mängeln“ im Kapitalismus die Rede, die man „kurieren“ könnte.

    2.) Hat man den Kapitalismus als Ursache für die Schäden ausgemacht, dann folgt logisch daraus, wenn man die Schäden abstellen will, der Versuch (!), ihn zu beseitigen. Alleine hat man nicht die Macht dazu, darum agitiert man. Was soll jetzt die Kritik daran sein? Dass das nur ein Zwischenschritt ist?

  5. Ich wollte Dir keine Reformidee des Kapitalismus unterstellen, sondern das „IM“ bezog sich auf „DAS STÖRENDE“, das nun mal IM Kapitalismus stattfindet. Wäre das nicht so, wärst Du kein Kritiker des Kapitalismus.

    „Hat man den Kapitalismus als Ursache für die Schäden ausgemacht, dann folgt logisch daraus, wenn man die Schäden abstellen will, der Versuch (!), ihn zu beseitigen. “

    Die Idee ist ein Fehler. Nicht etwa, weil es richtiger wäre von diesem Versuch Abstand zu nehmen und den Kapitalismus NICHT beseitigen zu wollen, sondern weil die Perspektive auf die Gesellschaft in ihr irgendwas abschaffen zu wollen ein sich selbst bestätigender Fehler ist. Denn: was heißt denn etwas in der Gesellschaft ABSCHAFFEN zu wollen?

    Der Inhalt davon ist, dass Du Deinen Willen der Gesellschaft als Imperativ vorsetzt und damit nicht nur einen theoretischen, sondern wenigstens Deinem Anspruch nach einen PRAKTISCHEN Gegensatz zu allen anderslautenden Vorstellungen von Gesellschaft eröffnest. Du MACHST die Änderung der Gesellschaft (zunächst nur in Deiner Vorstellung) so zu einer MACHTFRAGE und Machtfragen auszutragen ist nun mal etwas zur Vermeidung von „Schäden“, die Dich ja am Kapitalismus stören sich ziemlich gegensätzlich Verhaltendes. Der Verweis auf den Umstand, dass Dein „Gegner“ das vielleicht auch so macht, ändert nichts an dem Umstand, dass Du diesen Fehler machst (oder wegen meiner nachvollziehst).

    Ich teile diese (Deine) Stellung zur Gesellschaft nicht. Insofern bin ich ein Teil der „Ursache“, die Du beseitigen willst (ich meine damit nicht, dass Du mich vielleicht umbringen willst). Wenn Du Deinen Spruch von oben ernst nimmst, dann beseitige doch mal IN MIR die Ursache … oder in irgend einem der Menschen, die Du für das Willenskontinuum (die Macht), das du zu schaffen vorhast vorgesehen hast. Da merkst Du ganz schnell: Du kannst überhaupt nichts beseitigen. Der Versuch (!), den Du da vorhast geht von einer verkehrten Vorstellung aus, nämlich der, dass Du Kraft der „Argumente“, die Du vorbringst Einfluss auf den Willen der für die Macht vorgesehenen Menschen gewinnen kannst.

    Das das verkehrt ist, merkst Du daran, dass Kommunisten von der Gesellschaft auf Leute reduziert werden, die mit dieser Idee eine Gegenmacht durch Willensbeeinflussung aufbauen zu wollen an der Gesellschaft TEILNEHMEN. Sie rufen immer (ohne großartige Wirkung) vom Spielfeldrand hinein, dass es den Leuten anstünde gegen den Kapitalismus zu kämpfen. Ob die dann tatsächlich mal kämpfen oder nicht, d.h. sich ein machtvolles Willenskontinuum bildet oder nicht, hängt nicht von ihnen ab, sondern davon, dass die Leute mit IHREM Bewusstsein von den Verhältnissen mit der Entwicklung selbiger unzufrieden werden und sich DANN der Interpretation der Verhältnisse durch die Kommunisten anschließen. Besonders schlau ist das nicht (siehe oben), man sieht daran aber auch, was das Tätigkeitsfeld der Kommunisten ist: zu versuchen die Deutungshoheit über die Unzufriedenheit der Leute zu erlangen, die nach ganz anderen Kriterien zustande kommt. Es ist, wie Marx das mal ich glaube in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ausgedrückt hat, eben Kritik im Handgemenge.

    Diese Kritik im Handgemenge ist in mehrerer Hinsicht eine Sorte Ideologie, weil a) die Auswahl der Theoretischen Gegenstände sich an ihrer Brauchbarkeit für das Handgemenge misst und b) die „Erklärung“ dann dem Ringen um die Deutungshoheit der Unzufriedenheit unterworfen wird. Kommunisten sind damit eben keine Menschen mehr, die sich Kraft dessen., was sie von der Welt begriffen haben zu ihr ins Benehmen setzen, sondern ihr Fixpunkt ist das HANDGEMENGE. DARUM gruppieren sie ihre geistige Tätigkeit.

    Soweit mal.

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