6 Thesen über den Anti-Klassismus

Aus einer Kommentarspalte geborgen, von hier.

6 Thesen über den Anti-Klassismus

1. Die Forderung, den Angehörigen der unteren Klassen sei mehr Achtung entgegen zubringen, hat zunächst mal gar keinen sozialreformerischen Gehalt. Sie fordert Anerkennung trotz (oder gerade wegen des Aushaltens) ökonomischer Schlechterstellung. Damit ist noch nicht mal die materielle Armut der Betroffenen kritisiert und auch noch keine staatliche Disziplinierung (wie dein Hartz4-Beispiel). „Wer den Schaden hat, soll wenigstens nicht verspottet werden“ ist ihre kürzeste Fassung. Wird diese Achtung verweigert, handelt es sich um „Klassismus“. Ich möchte nicht bestreiten, dass es dieses Phänomen gibt, aber ich will deutlich machen, wozu es politisch und theoretisch herhalten muss.

2. Sozialreformerischen Gehalt gewinnt die Kritik am Klassismus durch zwei theoretische Fortschritte.

a) Der erste ist, Klasse nicht länger als eine bestimmte ökonomische Lage zu begreifen, die ihre Angehörigen zu bestimmten ökonomischen Handlungen zwingt (im Falle der Arbeiterklasse zum Verkauf ihrer Arbeitskraft) oder befähigt (im Falle der Kapitalistenklasse zur Ausbeutung fremder Arbeitskraft zur Mehrung ihres Eigentums). Klasse wird zu einer kulturellen Identität, wie du schreibst. Eine kulturelle Identität lässt sich nach der Theorie des Klassismus nicht so leicht ablegen.
b) Der zweite Fortschritt ergibt sich aus dem Ersten: Die Angehörigen einer Klasse, die nunmehr Träger eine bestimmten kulturellen Identität sind, können nun in den verschiedensten Funktionen in der Gesellschaft auftreten und die unterschiedlichsten ökonomischen „Rollen“ einnehmen: Es sind Arbeiter denkbar, die objektiv als Kapitalisten fungieren, genauso wie Bauern den Staatsapparat als Beamte bevölkern können, oder Großgrundbesitzer, die sich als Facharbeiter verdingen müssen.

Erst durch diese Operation wird es überhaupt möglich, z.B. von der Diskriminierung von Arbeitern bei der Besetzung von Managerposten zu sprechen. Jemand der Manager ist, erfüllt objektiv die Funktion des Kapitalisten. Jedoch darf er sich aus Klassismus-theoretischer Sicht subjektiv der Kultur der Arbeiterschaft zugehörig fühlen. Gleiches gilt für Professoren, Bundeskanzler usw.. Die Forderung kann also sein: „Mehr Arbeiter in die Führungspositionen dieser Gesellschaft.“ – Die Forderung lautet also schlicht: Mehr soziale Mobilität.

3. Die Klassismus-Theorie kennt Gründe dafür, warum Menschen aus den unteren Klassen so selten in die Führungspositionen dieser Gesellschaft aufsteigen, warum es also mit der sozialen Mobilität nicht so klappt. Ein Grund ist das schlechte Vorurteil derer, die über den Aufstieg entscheiden, über die unteren Klassen und ihre Kultur. Ein Grund ist auch ein Bildungssystem, in dem sich die von Klassismus Betroffenen fremd fühlen, nicht verstanden werden usw.. Der Schluss ist also, dass die Konkurrenz, die es um die Führungspositionen dieser Gesellschaft gibt, nicht gerecht organisiert ist. Der Standpunkt ist, eigentlich Fähige werden durch die klassistischen Mechanismen die in dieser Konkurrenz wirken, ausgegrenzt und benachteiligt. Die Beseitigung dieser Benachteiligung ist das Ziel des Anti-Klassismus. Anti-Klassisten sind Kritiker der Konkurrenz, weil sie Idealisten der Konkurrenz sind.

4. Konsequenter Weise ist das fordernde Subjekt des Anti-Klassismus auch das Individuum, das von Klassismus betroffen ist und sich um seine Durchsetzung in der Konkurrenz betrogen sieht. Das schließt nicht aus, dass sich dort auch Mehrere finden und sich gemeinsam organisieren, um ihrer Forderung nach einer gerechteren Konkurrenz politisches Gewicht zu verleihen. Hier finden sich mannigfaltige Betätigungsfelder, von einer Bildungsreform bis zur Kritik am „klassistischen Verhalten“ von Politiker und Managern. Die soziale Reform der Anti-Klassisten ist eine, die auf Chancen-Gerechtigkeit zielt. Sie ist eine liberale Reform.

5. Dieser liberale Gehalt des Reformvorhabens passt zum Klassen-Begriff der Klassismus-Theorie. Wenn es darum geht, möglichst viele Arbeiter (im kulturellen Sinne) in gehobene Positionen zu bringen, dann stört ein Klassenbegriff, der die ökonomische Stellung qualitativ zu unterscheiden weiß. Gemäß jener werden aus den Arbeitern, die eben noch arbeiten gingen für ihren Lebensunterhalt, Kapitalisten, die diese Arbeit organisieren oder Beamte, die den Staatsapparat am laufen halten, der das überhaupt erst möglich macht. Insofern der Anti-Klassismus den Aufstieg von Arbeitern zu Kapitalisten, Professoren usw. zum politischen Programm der Arbeiterklasse erhebt, begeht er objektiv Klassenverrat. Ein Klassismus-Betroffener, der es trotzdem geschafft hat:

„Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. […] Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt.“

„Hol‘ mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik ich hier, und schreibe nicht weiter!“

(beide G. Schröder, Arbeiterwaise)

6. Die theoretischen Grundlagen der Klassismus-Theorie sind allen Anti-Klassisten gemein. Jedoch beschränken sich einige von ihnen auf die Forderung nach der schlichten Anerkennung der ideellen Schädigung, die sie durch „klassistische Sprüche“ oder ähnliches erfahren und die Kränkung, die ihnen durch die Nicht-Anerkennung ihrer Betroffenheit von Klassismus durch ihre politischen Zusammenhänge widerfährt. Dieses Programm ist nicht einmal mehr sozialreformerisch, sondern verbleibt auf dem in 1. dargestellten Standpunkt. Das trifft eigentlich fast alle, die sich an der Debatte im feministischen Blogosphären-Reservat (auch „Filterbubble“ genannt) der letzten paar Tage beteiligt haben. Die Kritik, sie wollten „nur eine soziale Reform“ trifft sie nicht. In der Konkurrenz, die sie betreiben, gibt es für die Sieger keine besseren Jobs oder ein Universitätsdiplom. Im 500m-Hürdenlauf der feministischen Oppression-Olympics winkt allerhöchstens die Erwähnung des eigenen Anliegens in einer gender-theoretischen Hausarbeit an einer geisteswissenschaftlichen Universität. Aber immerhin ist es dann als Problem anerkannt.

Da bleibt nur die Hoffnung, dass angesichts solcher Zustände ein paar Leute ärgerlich und Marxisten werden.

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5 Gedanken zu “6 Thesen über den Anti-Klassismus

  1. Klassismus und Anti-Klassismus bedingen einander.
    Ich möchte zur theoretischen Schärfung aber vorschlagen, Manager, Professoren und Bundeskanzler nicht einfach der Seite der Kapitalisten zuzuschlagen. Denn es handelt sich womöglich gar nicht um Eigentümer, sondern um Menschen, die nichts verkaufen können als ihre Arbeitskraft. Die klassische Deutung, dass sie Agenten der Eigentümer sind, muss man m.E erstmal zurückstellen. Geistige Arbeiter sind auch bloß Arbeiter, das sieht man heute besser als im 19. Jahrhundert, als geistige Arbeit das Privileg von Eliten war. Siehe dazu: http://erbloggtes.wordpress.com/2013/10/17/die-angst-die-opfer-und-die-tater/

    • Der Text will nur darauf hinweisen, dass für Antiklassisten die Klassen nicht in ihrer ökonomischen Rolle, also der Natur ihrer Einkommensquellen (und das ist eine andere Frage als die Art ihrer Tätigkeit), begründet liegen sondern in ihrer kulturellen Identität. Wer die Klassen so fasst, muss sich notwendig auch die Frage stellen wer genau alles dazu gehören soll und daher das Prädikat “anerkennungswürdig” verdient.
      Deshalb trifft dein Einwand den Text gar nicht, weil der Text weder behauptet dass der Bundeskanzler ein Kapitalist sei, noch das Bedürfnis bedienen will eine alternative Einteilung der Welt in “echte” Opfer und Täter auszuweisen.

  2. „Das trifft eigentlich fast alle, die sich an der Debatte im feministischen Blogosphären-Reservat (auch „Filterbubble“ genannt) der letzten paar Tage beteiligt haben.“

    Welche Debatte meinst du damit eigentlich? In den letzten Tagen habe ich überhaupt nichts in diese Richtung mitbekommen.

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