Die Krankenstand-Debatte

 Die Krankenstand-Debatte: Eine Lektion in Sachen Klassenkampf von oben

 Die Ausgangssituation

In einer Gesellschaft, in der für die Geldvermehrung produziert wird, fallen die Bedürfnisse der Menschen, die über kein Geld verfügen, unter den Tisch. Dementsprechend sind diese Menschen dazu gezwungen ihre Arbeitskraft verkaufen, um darüber an etwas Geld zu kommen. Ob das gelingt und wenn ja, zu welchen Konditionen, bestimmen sie dabei aber gar nicht selber. Das obliegt in dieser Gesellschaft den Unternehmen. Diese stellen nur an, wenn sie sich davon eine Gewinnsteigerung erwarten. Für die Angestellten und Arbeiter heißt das, dass sie neben ihrem Bruttolohn auch die sogenannten „Lohnnebenkosten“, also den „Dienstgeberbeitrag“ erwirtschaften müssen — und dann noch mehr, denn erst dann fängt sich das ganze Unterfangen für das Unternehmen an zu rechnen. Unternehmen vermehren ihr Kapital somit damit, indem sie sich unbezahlte Mehrarbeit aneignen.

Vor ungefähr 150 Jahre nannte ein Mann namens Marx diese Aneignen von unbezahlter Mehrarbeit „Ausbeutung“. Ob man diesen Begriff für moralisierend hält oder für altbacken, tut nichts zur Sache: Tatsache ist, dass in dieser real existierenden Konstellation Lohnkosten ein Abzug vom Gewinn des Unternehmens sind. Das heißt, dass Unternehmen die Lohnkosten stets zu senken trachten. Das ist identisch mit der fortschreitenden Verarmung der lohnabhängigen Klasse.

Stress im Job und damit einhergehende Erkrankungen: im Kapitalismus nur der Rede wert, wenn dabei "der Wirtschaft" Geld entgeht. Die Klage: Nachdem man die ArbeiterInnen und Angestellten im Job massiv ausgebeutet hat, stehen sie nicht mehr topfit zur weiteren Ausbeutung bereit. (Bildquelle: SN-Titel, 12. April 2012)

Stress im Job und damit einhergehende Erkrankungen: im Kapitalismus nur der Rede wert, wenn dabei "der Wirtschaft" Geld entgeht. Die Klage: Nachdem man die ArbeiterInnen und Angestellten im Job massiv ausgebeutet hat, stehen sie nicht mehr topfit zur weiteren Ausbeutung bereit. (Bildquelle: SN-Titel, 12. April 2012)

Lohnkosten können von Unternehmen auf verschiedenste Art und Weise gesenkt werden. So kann zum Beispiel die Arbeit intensiviert werden, wodurch mehr Arbeit in der gleichen Zeit verrichtet wird. Die wachsende Schar von Burnout-Opfern und anderen durch Stress  Erkrankten lehrt, dass diese Methode von Unternehmen tagtäglich praktiziert wird. Eine weitere Methode ist die Rationalisierung und damit einhergehende Kündigung von Lohnabhängigen. Die dadurch entstehenden Arbeitslosen suchen dann verzweifelt einen neuen Job — ein Umstand, den die Unternehmen geschickt zum Ausüben von Lohndruck auszunutzen wissen. Die verbliebenen Angestellten und ArbeiterInnen sind eben noch erpressbarer als sonst, da vor der Tür Schlangen von Lohnabhängigen stehen, die sie ersetzen können.

Krankenstandszeiten

In dieser Situation fürchten sich die Angestellten und ArbeiterInnen davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren — zum Beispiel, weil sie zu oft krank waren. Denn Unternehmen verbuchen das als simple Fehlzeiten, die dazu führen, dass der Arbeitsoutput / Lohneinheit sinkt — und damit ihren Gewinn schmälert.  Dass man es gar nicht in der Hand hat, darüber zu entscheiden, ob man krank ist oder nicht, tut dabei für Unternehmen nichts zur Sache. Dass es nicht selten der Arbeitsdruck ist, der zu Erkrankungen führt, auch nicht.

Diese Konditionen haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die Krankenstandstage in Österreich zurückgingen, „im Schnitt von 15,2 auf 12,9 Tage pro Arbeitnehmer pro Jahr -, so Haubner, doch die Kurzkrankenstände (bis zu drei Tage) hätten sich in der Zeit verdoppelt.“ (krone.at)

Das heißt, in ihrer Verzweiflung gehen immer mehr Angestellte und ArbeiterInnen trotz Krankheit ins Unternehmen, um dort für die Vermehrung fremden Reichtums zu schuften — womit die Krankenstandstage ingesamt ordentlich sinken. Zur Verdoppelung der kurzen Krankenstände kommt es dabei, weil jene, die so krank sind, dass sie es nicht mehr ins Unternehmen schaffen, nur kurz zuhause bleiben — und, statt sich ordentlich auszukurieren, vor lauter Angst um den Arbeitsplatz nach kürzester Erholungszeit (und eben nicht ordentlich genesen) wieder zum Dienst antreten. Das spiegelt sich unter anderem auch in den Öffnungszeiten der Ambulanzen wieder: So hat die Ambulanz des Landeskrankenhauses Salzburg seine Öffnungszeiten schon vor Jahren auf den Abend ausgedehnt. Die Begründung war, dass viele Lohnabhängige sich auch bei Notfällen nicht trauen, nicht zum Dienst im Unternehmen zu erscheinen.

Die Entwicklung der Krankenstandszeiten gibt somit Auskunft über den enormen Druck, der auf den Lohnabhängigen lastet. Ein Druck, der gerade auch zulasten ihrer Gesundheit geht — womit nochmals unterstrichen wäre, wie schädlich ein System ist, in dem für die Geldvermehrung produziert wird statt für die Bedürfnisbefriedigung.

Die Krankenstand-Debatte

Die Veröffentlichung der Zahlen zum Krankenstand führt jedoch zu keiner gesamtgesellschaftlichen Debatte über diese Wirtschaftsweise. Im Gegenteil: Sie werden von VertreterInnen der Unternehmen zum Anlass genommen, weiter Klassenkampf zu betreiben.

Folgt man der Wirtschaftskammer und ihrer „ExpertInnen“, die an allen Ecken und Enden bereitstehen, um Propaganda zu betreiben, sollen die Lohnabhängigen dafür, dass sie in ihrer erzwungenen Untertänigkeit gegenüber Unternehmen nurmehr wenn gar nichts mehr geht, in Krankenstand gehen — und dann nur so kurz wie nur möglich — bestraft werden.

So schreiten die Unternehmen daran die Krankenstandstage weiter zu reduzieren, auf dass ihre Bilanz anschwelle: Nachdem kaum mehr jemand länger in den Krankenstand geht, sollen nun die kurzen Krankenstände bekämpft werden: Lohnabhängige sollen eben immer und andauernd bereitstehen für die Ausbeutung.

Der Vorschlag, der in dieser Art und Weise noch auf mehrheitliche Ablehnung stößt, sieht vor, dass der erste Krankenstandstag als Urlaubstag verbucht wird. Dass dies den Druck, erst recht krank zur Arbeit zu gehen, enorm erhöhen wurde, steht außer Frage. Beim Auspressen der Arbeitskräfte zum Gewinnemachen und zur Gewinnmehrung kennen die Unternehmen keine Hemmungen.

Viele Lohnabhängige nehmen trotzdem den Vorstoß der KapitalistInnen und ihrer VertreterInnen nicht ernst. Die Begründung dafür lautet: Den Vorschlag müsse man gar nicht ernst nehmen, da er blödsinnig sei. Die Blödsinnigkeit bestünde darin, dass ArbeiterInnen und Angestellte dann ja auf jeden Fall mehr als nur einen Tag in Krankenstand gingen, weil sich sozusagen der Verlust des ersten Tages halbiere, wenn man zwei Tage in Krankenstand gehe. Jenen, die diesen Einwand vorbringen, scheint entgangen zu sein, dass die Krankenstandszeiten ingesamt gesunken sind — eben weil so viele Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben. Wieso das plötzlich unter anders sein sollte, ist nicht einsichtig. Es ist gerade nicht anzunehmen, dass die Lohnabhängigen plötzlich wieder anfangen, länger in den Krankenstand zu gehen — dazu ist ihre Angst vor einer Kündigung eben zu groß.

Statt also den Vorschlag als Blödsinn abzuqualifizieren, sollte man ihn lieber als das ernst nehmen, was er ist: Klassenkampf von oben. Und dieser Klassenkampf von oben wird — auf jede nur erdenkliche Art und Weise — seine Fortsetzung finden: Nämlich solange wir in einer Wirtschaftsweise leben, in der für Geld produziert wird und Lohnkosten damit ein Abzug vom Gewinn sind.

Artikelbild: geralt (gerd altmann), pixelio.de

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