Kreuzchenmalerei – eine Frage der Bildung?

Die demokratische Herrschaft zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass periodisch die Zustimmung zu ihr durch Kreuzchenmalerei hinter derjenigen Wahlalternative bekundet wird, welcher die Ausübung der demokratischen Herrschaft am ehesten zugetraut wird. Sondern diese Zustimmung gilt, weil man sie ausüben darf, als heiligste Bürgerpflicht, der man nachkommen muss. Weshalb auch regelmäßig wissenschaftlich-politwissenschaftlich untersucht wird, wie es nur dazu kommen kann, dass glatt manche ihr Kreuzchen an die falsche Stelle (Die Linken! Die Rechten!) setzen, oder fast noch schlimmer, gleich überhaupt keins. Nicht, dass dadurch die demokratische Herrschaft gefährdet wäre, solange das politische Denken und Handeln dieser (Nicht-)Wähler auch weiterhin um die bestmögliche nationale Herrschaftsalternative kreist, welche dann entweder jenseits der Mitte-Parteien, oder überhaupt nicht im Parteienangebot gefunden wird. Sondern gerade weil die demokratische Herrschaft dermaßen durchgesetzt ist, fällt schon das nicht oder an die falsche Stelle gesetzte Wahlkreuz als Skandal und zu beseitigendes Übel auf.

Eine solche Studie (pdf-Format) gab es jetzt also mal wieder und selbstverständlich wurde sie auch prompt journalistisch aufbereitet, bspw. vom Leipziger Internatblättchen L-IZ. Was ohnehin schon der Grundtenor der wissenschaftlichen Studie ist, wird in der journalistischen Aufbereitung explizit gemacht: wie kann es nur dazu kommen? Welche Inhalte Linken-, Rechten-, oder Nichtwähler jeweils so vertreten und was warum von diesen zu halten ist, kommt dabei wie üblich nicht vor. Schließlich ist ja bereits vorausgesetzt, dass die sich eine Abweichung vom erwünschten demokratisch-nationalistischen Verhalten erlauben, was Demokraten inhaltliche Befassung genug ist. Die Frage nach dem Warum wird folglich in eine Frage des Wer aufgelöst, also in die Suche nach Risikogruppen, wobei dieser Gegenstandswechsel dennoch und gerade deswegen als Antwort präsentiert wird.

Kurzum: man hat ausgemacht, dass Arbeitslosigkeit, Angst um den Arbeitsplatz, niedrige Einkommen und niedrige Bildungsabschlüsse häufiger bei Links-, Rechts- und Nichtwählern auftreten, als bei den Kreuzchenmalern der Mitte. Woraus messerscharf gefolgert wird, dass diese Faktoren die braven Wähler „in die Arme von Rechtsextremisten […] treiben“ (PM, S. 10) würden. Oder wie es die L-IZ ausdrückt:

Dabei kam heraus, dass nicht nur bestehende Arbeitslosigkeit die Wähler der extremen Rechten zutreibt, sondern bereits die Sorge um den Arbeitsplatz zu Sympathien für die Rechtsextremisten führt. Immerhin geben 20 Prozent der Rechten-Wähler an, arbeitslos zu sein, bei der Linken sind es 16,1 Prozent, bei CDU/CSU im Vergleich nur 3,8. Aber auch bei den Anhängern der Linken finden sich der Studie nach vergleichsweise viele mit der Sorge um den Arbeitsplatz, während Wähler der CDU/CSU und SPD am wenigsten Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben.

Daran kann einen zunächst einmal auffallen, dass die ganzen Faktoren selbst nach den Maßstäben der Studie keine sein können. Denn dass aus einer ökonomischen Lage eben kein bestimmter politischer Schluss folgt, kann man auch dem entnehmen, dass aus der gleichen Lage lauter verschiedene Schlüsse gezogen werden:

Rechtsextreme Parteien haben den größten Anteil von Arbeitslosen in ihrer Wählerschaft. Von den Wählern der rechtsextremen Parteien NPD, Republikaner und DVU sind 20 Prozent arbeitslos. Nichtwähler (10,8 Prozent) und Wähler der Partei DIE LINKE (16,1 Prozent) liegen deutlich dahinter. In der Wählerschaft der CDU/CSU finden sich mit 3,8 Prozent die wenigsten Arbeitslosen. Betrachtet man allerdings die Absolutzahlen, ergibt sich ein anderes Bild: Viele Arbeitslose haben nicht die Absicht, zur Wahl zu gehen. Knapp 23 Prozent der
Arbeitslosen sind Nichtwähler. Von den parlamentarischen Parteien fühlen sich Arbeitslose am ehesten von der SPD vertreten. 27,7 Prozent der Arbeitslosen wollen SPD wählen. Damit liegt die SPD im Gegensatz zum Gesamttrend vor der Bundestagswahl hier deutlich vor der CDU/CSU (16,1 Prozent). 14,2 Prozent der Arbeitslosen würden DIE LINKE wählen und 11,6 Prozent grün. (PM, S. 1).

Weil die soziale Lage aber auch logisch nur der Ausgangspunkt einer Überlegung sein, aber nicht deren Resultat vorgeben, kann, hätte es für dieses Resultat auch gar keine Untersuchung gebraucht. Nur wird ja auch gerade nicht dieses Resultat als Ergebnis der Studie festgehalten, sondern vielmehr suggeriert, dass eine statistische Häufung schon irgendwie eine Erklärung sei und viele statistische Häufungen zusammen dann ja wohl erst recht – auch wenn eine statistische Korrelation allerhöchstens das Ausgangsmaterial einer Erklärung sein kann (nämlich wie diese zustande kommt) und viele Nicht-Erklärungen auch zusammen immer noch nichts erklären.

Auch die Trennung zwischen den Rechtsextremisten, die es halt irgendwie gäbe, und den ihnen in die Arme getriebenen Wählern ist daher unsinnig. Die müssen schon etwas am Herrschaftsprogramm der Rechtsextremisten finden, wenn sie ihr Kreuzchen ausgerechnet dort setzen.

Als wäre das alleine noch nicht genug Unsinn, spinnt der L-IZ-Schreiberling ihn in seinem Artikel konsequent weiter:

Dies mag mit dem Bildungsstand zusammenhängen, vermuten die beiden Forscher. Mehr als ein Drittel der Wähler von Bündnis 90/die Grünen haben Abitur (31,5 %), bei den Wählern von NPD, DVU und Republikanern sind es dagegen nur 10 %. Nur bei den Nichtwählern haben mit 7 % noch weniger Personen den höchsten in Deutschland möglichen Schulabschluss.

Was möglicherweise auch heißen kann: Demokratie ist eine Herausforderung an den Grips des Menschen. Wer eher schlecht gebildet ist, fühlt sich von den geistigen Anforderungen einer komplexen Demokratie möglicherweise überfordert und bevorzugt dann die scheinbar einfacheren Lösungen – gar nicht zur Wahl zu gehen – wie die Nichtwähler – oder eher undemokratische Lösungen – wie die Wähler der NPD.

Auch hier kann man ganz lapidar einwänden, dass es ja wohl kaum am Bildungsabschluss liegen kann, wenn eben auch Leute mit Abitur Rechte oder gar nicht wählen und umgekehrt auch Leute ohne Abitur die etablierten Parteien. Man kann sich aber auch zusätzlich noch die Frage stellen, worin denn bitte die „Herausforderung an den Grips des Menschen“ bestehen soll. Kreuzchen malen braucht jedenfalls kein Abitur. Und die geistige Leistung, welche der Wähler bringen soll und bringt nicht übrigens auch nicht.

Diese besteht nämlich in der Banalität, dass vorgeschlagene Herrschaftspersonal danach durchzusortieren, wer von Programm und Person her dem eigenem Ideal einer guten Herrschaft am ehesten entspricht. Dieses Ideal wiederrum speist sich daraus, dass der bürgerliche Staat von den bürgerliche Individuen als Bedingung ihrer Betätigung im Kapitalismus gewollt ist, daher selbstverständlich auch dessen Erfolg in der Staatenkonkurrenz, aber die sich daraus notwendig ergebenden Einschränkungen und Opfer ihnen gleichzeitig als Hindernis und Abzug bei ihrer ökonomischen Betätigung entgegentreten. Diesen Widerspruch vermitteln sie geistig dazu, dass gerade bei ihnen übertriebene Opfer verlangt werden würden, was auch den Staatserfolg gefährde würde. Ihr Ideal der guten Herrschaft ist schlicht die Umkehrung davon: die würde diesen Fehler halt nicht machen und so für den Erfolg Deutschlands wie der bürgerlichen Individuen sorgen.

Eine Überlegung, welche selbstverständlich auch von Rechts- oder nationalistischen Nichtwählern durchgeführt wird. Nur dass die halt die beste Herrschaftsalternative nicht bei CDU, SPD und wie sie alle heißen sehen, sondern bei NPD, Reps & Co., oder bei keiner der zur Wahl stehenden Herrschaftsalternativen. Diesen Gedanken kann man, so verkehrt wie er ist, ja ruhig als dumm bezeichnen, nur unterscheidet sich der unbotmäßigen Teils des Wahlvolks gar nicht in dieser Dummheit von den braven Kreuzchenmalern der Mitte – und mit dem Schulabschluss hat er gleich gar nichts zu schaffen. Auch wenn man das als demokratisch-nationalistischer Bildungsbürger wohl gerne so hätte, dass selbst noch das Setzen eines Wahlkreuzes die herausragende eigene Intelligenz und Bildung unterstreiche.

Zu der fehlenden Bildung der anderen sei abschließend noch angemerkt, dass es gerade der vor jeder inhaltlichen Befassung als positiv vorausgesetzte demokratische Staat ist, welcher mit seinem Bildungswesen die Leute systematisch von weiterer Bildung aussortiert – und dieses Bildungswesen daher auch genau darauf ausrichtet.

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