Weihnachtszeit ist Spendenzeit

Nicht nur zu Weihnachten, aber erst recht zu Weihnachten, organisieren Spendenaktionen punktuell Hilfe für einige ausgewählte Opfer der milliardenfachen Opfer des Kapitalismus – selbstverständlich unter Respektierung jener Einrichtung, durch die diese Opferscharen tagtäglich hervorgebracht werden: Privateigentum. Appelliert wird an das Gewissen von Privateigentümern, die ganz individuell entscheiden dürfen, wer sich als glaubwürdiges Opfer den Spendeneuro verdient hat.

Spenden machen nur Sinn in einem System, in dem Armut herrscht. Die vielen Spendenaufrufe legen Zeugnis davon ab, dass viel Armut herrscht. Das ist insofern erstaunlich, als dass die Regale in den westlichen Kaufhäusern fast bersten, und auch in Afrika und Co. neben fruchtbaren Feldern und vollen Lagenhäusern gehungert wird. Objektiver Mangel scheint nicht vorzuliegen, hat auch schon die FAO festgestellt, um sich dann den Kopf zu zerbrechen, woran es denn liegen könnte. Eine richtige Antwort blieb die FAO bislang schuldig, obwohl es doch eigentlich so einfach wäre: In einer Welt, in der alles nur für Geld zu haben ist, weil Zweck des Wirtschaftens die Geldvermehrung ist, kriegen jene, die kein oder nur wenig Geld haben, nichts oder nur wenig. Denn mit ihren Bedürfnissen lässt sich kein Geld machen. Das gilt für Afrika und andere periphere Gegenden des Weltkapitalismus genauso wie für die Zentren des Weltkapitalismus: Auch in Österreich, einem der reichsten Ländern der Welt, bringt es kein Geld, verarmte Omas und Opas ordentlich zu versorgen, so dass sie im Winter frieren müssen.

Massenhaft verarmt sind Omas und Opas in Österreich übrigens, weil sie ihr Leben lang als Lohnabhängige schufteten – und dabei andere reich machten. Der Lohn – der bei der Gegenseite, dem Unternehmen, das sie beschäftigte, als Abzug vom Gewinn und damit als stets zu drückender Kostenpunkt aufschien – reichte nicht aus, um einen Lebensabend in Wohlstand zu finanzieren. Nun fristen sie ihre letzten Lebensjahre in kalten Wohnungen, denn das bisschen Geld reicht nicht für mehr. Menschen in Afrika und Co. sind arm, weil sie entweder mit noch niedrigeren Löhnen wie ihre Kollegen im Westen abgespeist werden, oder aber erst gar nicht benutzt werden zur Vermehrung fremden Vermögens. Die fruchtbaren Felder, die auch dort zu finden sind und oft brach liegen, dürfen sie nur verwenden, wenn die jeweiligen Privateigentümer dem zustimmen. Doch welcher Eigentümer macht das schon? Lieber wartet man auf zahlungsfähige Investoren. Ausnahmen bestätigen die Regel – und hier setzt das Spendenwesen an. Appelliert wird an das Gewissen der Privateigentümer, den einen oder anderen Euro ausnahmsweise ohne Gegenleistung locker zu machen.

Statt also die Verhältnisse zu kritisieren, die die Armut schaffen, findet die zentrale Institution dieser Verhältnisse Bestätigung: das Privateigentum. Genau dieser Umstand ist es, der die Spende auch für Unternehmen attraktiv macht: Hier wird in keinster Weise thematisiert, dass die Voraussetzung und das Resultat ihres Wirtschaftens massenhafte Armut ist, und als Werbung macht sich die Beteiligung an einer Spendenaktion besonders gut.

Wenn es ans konkrete Spenden geht, legen die Spender, Einzelpersonen ebenso wie Unternehmen, Wert darauf, dass ihr Geld den Richtigen zugute kommt. Für Organisatoren von Spendenaufrufen heißt das: Mit der Losertruppe des Kapitalismus – alleinerziehenden Müttern, Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen usw. – muss man erst gar nicht antreten. Denn hier meint die Allgemeinheit zu wissen, dass die Betreffenden zumindest teilweise selber schuld seien an ihrer Lage.

Gute Opfer zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie unverschuldet in ihre verheerende Lage gerieten. Da passt die frierende Oma, die ihr Leben lang als Lohnabhängige, Hausfrau und Mutter schuftete, schon besser, zumal man betonen kann, dass sie Österreich als Trümmerfrau mit aufbaute. Ist es nicht gemein, dass jemand, der sich fürs große Ganze so aufopferte, nun frieren muss? Na klar. Einerseits. Andererseits: Kann man bei einer frierenden Oma überhaupt von Armut sprechen? Immerhin hat sie jeden Tag ein bisschen was zum Knabbern. Für andere gilt das nicht, sind das nicht die glaubwürdigeren Opfer? Zum Beispiel das afrikanische Kind mit dem Hungerbauch. Auch hier kann sich der großmütige Spender sicher sein: das Kind ist unschuldig. Ob das auch für die Eltern gilt, ist allerdings umstritten: Hätten die als verantwortliche Eltern nicht mal was hackeln müssen? Haben sie, aber es hat nicht gereicht? Hätten sie sich dann nicht mehr anstrengen müssen? Aber man kennt ja die Afrikaner … Ganz individuell sichtet der edle Spender den kapitalistischen Opferkatalog, und lässt dabei nach Lust und Laune auch seinem nicht allzu individuellen Rassismus freien Lauf. Das ist beim Spenden auch vollkommen OK: Hier entscheidet einzig und alleine der jeweilige Privateigentümer – mit und ohne Rassismus – nach seinen Gerechtigkeitsvorstellungen – und bestimmt, welches Opfer passend ist. Passend ist es, weil es – nach Meinung des Spenders – unter zuviel Armut leidet, und das auch noch unschuldigerweise. Jetzt kann es ans Spenden gehen.

Nach vollzogener Spende darf sich der Spender mit der Spende schmücken – zuallererst vor sich selbst, durch das Gefühl, endlich einmal etwas Gutes getan zu haben. Des Weiteren vor anderen. Zweites gilt vor allem für Unternehmen, die ihr Image gerne sozial anpinseln. Dass dabei gerade jene als besonders großmütig auftreten, deren Geschäft doch auf Armut beruht, stört bis auf ein paar linke Spinner niemanden. Im Gegenteil gelten Spenden von Unternehmen in aller Regel als zusätzliches Verkaufsargument für ihre Waren. Und nicht nur das!

So manches Unternehmen ist ganz gefinkelt: Statt selber zu spenden, wird die zahlungsfähige Kundschaft dazu angespornt. Das hat für das Unternehmen den Vorteil, dass neben dem Werbeeffekt – „Unternehmen XYZ organisiert Spendeaktion!“ – die Spenderei nicht als Kostenpunkt in der Unternehmensbilanz auftaucht. Denn zahlen tun ja die anderen, man selber schmückt sich nur.

Für die ausgewählen Opfer, deren Rettung als schmückendes Werbeargument zu dienen hat, heißt es nach vollzogener Spende wieder: durchhalten. Denn wenn sie zu Weihnachten nicht hungern sollen, heißt das umgekehrt, dass das Hungern im restlichen Jahr schon in Ordnung geht. Bis zur nächsten Spende eben. Wenn denn im nächsten Jahr nicht jemand anders die kapitalistische Opferkonkurrenz um den begehrten Euro – Zugriffsmittel auf Essen und Obdach – gewinnt.

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