Stichwort „Familienprinzip“

Das Leben der Lohnabhängigen ist hart. Wenn sie keinen Job finden, haben sie kein Geld, um Einkaufen zu gehen oder eine Wohnung zu mieten. Wenn sie einen Job finden, dann kommt dabei meist nicht sonderlich viel rum – vor allem aber droht ständig die Kündigung. Sowieso kriegt man einen Job nur, wenn es sich für das Unternehmen rentiert; aus Liebenswürdigkeit wurde noch kein Arbeitsplatz der Welt geschaffen. Und weil Lohnkosten ein Abzug vom Gewinn und auch ein Konkurrenznachteil sind, fällt die viel beschworene „Verantwortung der Unternehmen für Arbeitsplätze“ zusammen mit der Verantwortung für Lohnsenkung und Kündigung. Es ist von daher nicht verwunderlich, dass so gut wie jeder Lohnabhängige über Phasen der Arbeitslosigkeit berichten kann, also Phasen, in denen überhaupt kein Geld mehr rein gekommen ist. Aber man hat ja die Familie, auf die kann man sich verlassen …

Das „Familienprinzip“ kennen die Politiker nur zu gut – denn sie sind es, die dieser Zweckgemeinschaft zu stets hohem Ansehen verhelfen. Denn es ist die kapitalistische Not, die oftmals eine familiäre Nähe erzwingt, wo sie von den Betreffenden gar nicht gewünscht ist.
In einem Land, in dem Politiker unterm Schlagwort „Wettbewerbsfähigkeit“ die Lohnabhängigen immer mehr verarmen, in dem zum Zwecke der Standortsicherung Sozialtransfers noch und nöcher gekürzt werden, sind viele froh, wenn zu lesen ist, dass wenigstens „der Oma-Transfer funktioniert“.

Ob man mit dem „rettenden Strohhalm“, der einem da entgegenkommt, überhaupt gut bedient ist, steht nicht zur Debatte. Derweilen stellen sich hier gleich zwei Fragen:
1. Verfügt die Familie überhaupt über den Stoff, auf den es im Kapitalismus ankommt – also Geld? Und ist in diesem Zusammenhang vielleicht festzustellen, dass das Familienprinzip nur denen wirklich nützt, deren Verwandtschaft reich ist – und bereit den Reichtum zu teilen?
2. Wieso sollte man mit jemandem zusammenrücken, den man vielleicht gar nicht ausstehen kann? Wieso sollte eine Frau bei einem Mann bleiben, den sie nicht mehr ausstehen kann, der ihr vielleicht sogar Gewalt antut – und umgekehrt? Wieso sich Kinder um Eltern kümmern, die sie schlecht behandelten in ihrer Kindheit? Wieso sollte man mit der Nazi-Oma kuscheln wollen?

Tatsache ist: Auf das Familienprinzip als Strohhalm sind all jene angewiesen, die aufgrund ihres Lohnabhängigen-Status mit Armut konfrontiert sind. Wer reich ist, braucht es nicht. Und wer es braucht, ist schlecht bedient: denn meist verfügt die Familie auch nicht über Geld; auch wird man damit in eine Notgemeinschaft gezwungen.

Wieso redet die Politik dann trotzdem gerne von der Familie? – Aus dem bereits genannten Grund: Wer Sozialabbau als Standortaufbau betreibt, fordert eben auch, dass die Familie „weiter gedacht werden (müsse)“, nämlich bis hin zu Nichten, Neffen, Tanten und Onkel. Da tun sich ganz neue Notkuschelgemeinschaften auf.

HörtippDie gesellschaftliche Institution Familie – Ort des Glücks, des Psychoterrors und des Amoklaufs

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