Von Journalisten und Denunzianten

Bei bild.de empört sich (externer Link) der richtige und echte Journalist Ernst Elitz – seines Zeichens Gründungsintendant des Deutschlandradios – über Wikileaks, bzw. stellvertretend für es über dessen Gründungsintendanten Julian Assange. Der sei nämlich kein richtiger und echter Journalist, sondern lediglich „ein übler Denunziant„.

Die Kritik sagt freilich mehr über den richtigen und echten Journalismus der Freien Presse aus, als über Wikileaks bzw. Julian Assange. Denn was unterscheidet laut Ernst Elitz Wikileaks überhaupt von dieser? Seinem eigenem Anspruch nach ist – wie auch Ernst Elitz weiß – Julian Assange nämlich durchaus ein investigativer Journalist. Also ein Idealist der guten demokratischen Herrschaft, der Nachforschungen anstellt, ob das Herrschaftspersonal auch seiner Ämter würdig ist, oder ob es im Hintergrund üble Machenschaften plant. Diese sollen veröffentlicht werden, damit das Wahlvolk genau informiert ist, ob es nicht doch das nächste mal lieber andere Charaktermasken wählen soll:

SPIEGEL: Sie sagen, es gebe einen Zusammenhang zwischen der Transparenz, für die Sie kämpfen, und einer gerechteren Gesellschaft. Was meinen Sie damit?

Assange: Echte Reformen kann es nur geben, wenn ungerechte Handlungen entlarvt werden. Am besten geht man gegen Ungerechtigkeiten dann vor, wenn sie noch gar nicht begangen wurden, wenn es nur den Plan gibt – dann kann man sie noch stoppen.

(Quelle; externer Link)

Warum gilt er ihm dann nicht als seinesgleichen, sondern als „ein übler Denunziant„? Weil er bei seinem Eintreten für Transparenz zum Zwecke der guten demokratischen Herrschaft lauter nationalistische Rücksichten gegen der tatsächlichen demokratischen Herrschaft vermissen lässt, welche den richtigen und echten Journalismus der Freien Presse ausmachen:

Julian Assange redet von Freiheit. Doch er kennt keine Verantwortung.

Als richtiger und echter Journalist ist man nämlich zunächst mal der Wahrheit verpflichtet, welche darin besteht, aus nationalen Gesichtspunkten zu prüfen, was man den Lesern überhaupt vorsetzt und das ihm Vorgesetzte auch noch gleich korrekt nationalistisch aufzubereiten. Danach – nach: wem nutzt es? – entscheidet sich dann die Glaubwürdigkeit der Informationen, so dass die jeweilige nationalistische Sortierung zur Wahrheit der Freien Presse wird:

Der Journalist aber fragt: Ist es wahr? Wem soll es schaden? Wem wird es nützen? Kann es die Welt verändern – zum Guten oder zum Bösen? Journalismus wägt ab und gräbt tiefer, denn er weiß: Die Wahrheit liegt meist unter der Oberfläche. Der Journalist will die Welt erklären.

Als Fanatiker seiner Herrschaft wägt der richtige und echte Journalist in nationaler Verantwortung also ab, welche Bloßstellungen des Herrschaftspersonals die eigene Herrschaft befördern und welche das Vertrauen in sie zu sehr erschüttern würden. Weil ihm Assange das nicht ausreichend genug durchführt, wird ihm dies gleich als böser Willen unterstellt, weshalb sein Idealismus der guten demokratischen Herrschaft und damit auch sein Idealismus der Freiheit nur geheuchelt sein können:

Assange will nur bloßstellen und Vertrauen zwischen den Staaten zerstören. Damit erklärt er sich selber zum Staatsfeind.

Und wenn er einmal als Staatsfeind – und deshalb als „ein übler Denunziant“ statt als richtiger und echter Journalist ausgemacht ist, wird auch gleich noch die nächste dazu passende Bebilderung gefunden. Nicht wegen der veröffentlichten Inhalte, sondern wegen der (angeblich) nicht veröffentlichten Inhalte, wird er den Feinden des Freien Westens zugeschlagen:

Assange schont die menschenverachtenden Diktatoren: Kein Datenband von Nordkoreas Kim Jong Il. Keine Geheimbefehle von Ahmadinedschad, nichts aus dem Netzwerk der Terroristen. Wikileaks nutzt den offenen – manchmal zu offenen – Umgang mit Daten in den Demokratien, um ihnen zu schaden.

Merke: wenn man in nationaler Verantwortung die journalistisch passend aufbereitete Wahrheit über feindliche Staaten veröffentlicht und erklärt, dann will man weder verwerflicher Weise „Vertrauen zwischen den Staaten zerstören“ (das machen ja schon immer die fiesen un-demokratischen Herrscher der Feindesstaaten), noch ist man deswegen „ein übler Denunziant“ – sondern ein richtiger und echter Journalist der Freien Presse.

Was man angesichts von Konsumenten, die genau so einen Journalismus erwarten (und nein: das betrifft nicht nur die Bild-Zeitung, sondern die gesamte Freie Presse inklusive seriöser Medien wie bspw. das Deutschlandradio) ja auch ruhig mal betonen kann …

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3 Gedanken zu “Von Journalisten und Denunzianten

  1. Pingback: Freie Presse vs. Wikileaks bei GDHV « Scharfe Kritik

  2. Ein paar Zitate aus dem Jahr 1971, als die New York Times und die Washington Post die Pentagon-Papiere publizierten:

    „Die New York Times riskiert damit, dass sie die Konsequenzen tragen muss. In jedem Fall wird sie mit den Ehren des Krieges daraus hervorgehen.” Le Monde, Paris

    „ein Beamter oder Journalist der Sowjetunion, der vertrauliche Dokumente der Regierung an die Öffentlichkeit brächte, würde sich eine sehr strenge Strafe zuziehen.” NZZ, Zürich

    „Dann aber, wenn politische Ziele, Sensationslust oder auch nur die Kassa den Blick auf das Gemeinwohl trüben, schaufeln solche Meinungsmacher sich selbst und der Freiheit, die sie fordern, das Grab.” Die Presse, Wien

    „In Amerika wird die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit allmählich zur Vollbeschäftigung …
    Der Hochmut, der in den Redaktions- und Studierstuben residiert, verliert jedes Maß und entbehrt aller Fähigkeit zur Selbstkritik, weil er den Korrektiven des demokratischen Prozesses entnommen ist, dem sich die von ihm Angegriffenen unterwerfen müssen …
    Es ist weit gekommen mit dem Missbrauch der Pressefreiheit und mit der Dekadenz des journalistischen Berufsethos, wenn Amerika einflußreichste und geachtetste Tageszeitung in der Verfolgung ihrer politischen Ziele vor dem offenen Geheimnisverrat nicht mehr zurückschreckt …
    Die Verzerrung des Begriffs Pressefreiheit treibt seltsame Blüten. In ihrem Namen darf der Propagandamaschine Moskaus und Hanois Material geliefert werden, das ihre Mühlen schrecklich fein mahlen werden.” Die Welt, Hamburg

    Die verantwortungsbewußten Journalisten gabs also auch damals zuhauf.

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