Arme in der Armutsfalle

Erinnert sich noch jemand an die Mikrokredite? Diese tolle Idee, dass man mit der Armut schon ein Geschäft machen müsse, um sie zu lindern, was ihr auch prompt den Friedensnobelpreis (endlich ein paar Hungerleider befriedet?) eingebracht hat? Die taz jedenfalls macht es und bringt gleich zwei Artikel zum Thema (externe Links, alle Zitate aus ebd.) – denen man einiges entnehmen kann.

Na wenigstens etwas! 😉


1.) Dass die Leute überhaupt Mikrokredite brauchen, liegt an ihrer spezifischen Armut (externer Link). Sie sind durch die Eigentumsordnung von sämtlichen Mitteln, ihre Subsistenz zu bestreiten, ausgeschlossen. D.h., sie müssen an Geld kommen, haben aber weder Produktionsmittel, um für den Markt zu produzieren, noch ist weit und breit ein Kapitalist in Sicht, der ihre Arbeitskraft für die Vermehrung seines Reichtums gebrauchen könnte und daher kaufen würde. In dieser Armut wird ihnen mit den Mikrokrediten aufgemacht, dass sie ein wenig Geld erhalten, um sich damit die Mittel zu kaufen, um für den Markt zu produzieren – was ihnen ein Einkommen stiften soll:

SKS vergibt Kredite zwischen 15 Euro und 200 Euro an Frauen, die zum Beispiel eine Kuh aufziehen oder einen kleinen Teeladen einrichten. Das Unternehmen zählt heute 5,3 Millionen Kunden. Im ganzen Land haben etwa 22 Millionen Haushalte Mikrokredite aufgenommen. Branchenexperten sehen damit erst 10 Prozent des Bedarfs an Mikrokrediten bedient. In Indien leben über 800 Millionen Menschen von weniger als zwei Dollar am Tag – viele von ihnen sind potenzielle Kunden.

Gleichzeitig sollen die erzielten Einnahmen noch dazu ausreichen, die vorgestreckte Geldsumme plus 25% Jahreszins zurückzuzahlen.

2.) Dass man damit hinten und vorne nicht aus der Armut herauskommt, ist klar. Schließlich tritt man mit diesen bescheidenen Produktionsmitteln in die Konkurrenz zur kapitalistischen Massenproduktion mit ihrer Benutzung der Arbeiter an moderner Maschinerie und muss den mit dieser erzielten Marktpreis erreichen. Also ist angesagt, sich reichlich zu schinden und auf eigenen Konsum so weit wie möglich zu verzichten, um in dieser bestehen zu können. Das ist allerdings auch bloß eine Bedingung und keine Garantie dafür. Zudem bedeuten immer mehr Mikrokreditnehmer, die sich alle eine Kuh oder eine Teestube hinstellen, noch mehr Konkurrenz um die Kaufkraft, weshalb das Scheitern einiger von ihnen ohnehin vorprogrammiert ist.

3.) Dass für das Aufgehen des Geschäfts lauter Verzicht ansteht, wussten und wissen selbstverständlich auch die wohltätigen Pioniere der Branche. Deswegen haben sie die Mikrokredite hauptsächlich an Frauen vergeben, weil sie von denen mehr eingeübte Opferbereitschaft für die Versorgung der Familie erwarten konnten. Und sie haben zusätzlich ein System der gegenseitigen sozialen Kontrolle eingeführt, indem sie die Kredite an „Selbsthilfegruppen“ vergeben haben, in denen deren Mitglieder übereinander wachen, dass die das Geld aus dem Kredit und den evtl. erzielten Einnahmen ja nicht sachfremd – also für ihren Konsum – ausgeben, sondern brav den Kredit samt Zinsen zurückzahlen.

4.) Nicht nur, dass da bei aller Schufterei so gut wie nix für den Konsum übrig bleibt, sagt einiges über diese Sorte Armutsbekämpfung aus. Bezeichnend ist auch, welchen Grund es hat, dass die soziale Kontrolle so gut funktioniert: es weiß dort eh jede, dass man nach dem Jahr auf den nächsten Mikrokredit angewiesen ist, den es aber nur gibt, wenn der vorherige samt Zinsen abgezahlt wurde. Auch an der Angewiesenheit auf die Mikrokredite, also an dieser Sorte Armut, hat sich also nichts geändert. Wie auch, wenn in dieser Ausgangssituation die eigene (plus die familiäre) Reproduktion und die Bedienung des Kredits samt Zinsen aus dem Geschäft gedeckt werden müssen? Entsprechend ungemütlich werden die Armen gegeneinander, wenn eine von ihnen am Bedienen der Forderungen scheitert:

Erramma war am Vortag zurückgekommen, um sich ihre Witwenpension auszahlen zu lassen. Doch sie kam nicht weit. Die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe, mit denen sie vor ein paar Monaten einen Mikrokredit aufgenommen hatte, kamen zu ihrem Haus gelaufen, schrien und schlugen auf Erramma ein. „Da ist sie schnell wieder weggerannt“, sagt Begum. […] Erramma ist Witwe. Seit ihr Mann vor einem Jahr starb, bekommt sie eine Pension von 200 Rupien im Monat, 3,40 Euro. Davon kann sie nicht leben. Von der Webarbeit auch nicht. Die Textilindustrie steckt in Andhra Pradesh in der Krise. Erramma lebte zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin. Mit der und acht anderen Weberinnen tat sie sich zu einer Selbsthilfegruppen zusammen. […] Errammas Gruppe nahm einen Kredit über 10.000 Rupien auf, 170 Euro. Der Kredit war rückzahlbar über ein Jahr. Die Zinsen betrugen 25 Prozent: Viel im Vergleich zu den Sätzen regulärer Bankkredite, aber viel weniger als bei den Geldverleihern, bei denen die Weber von Uravakonda, denen keine Bank etwas gab, früher in der Not Kredit aufnahmen. Jede Woche musste Errammas Gruppe 250 Rupien zurückzahlen, Erramma davon ein Zehntel: 25 Rupien, 42 Cent. Sie fand keine Arbeit und hatte im Monat nur ihre 200 Rupien Pension. Mit jeder Woche wurden die 25 Rupien Rückzahlung eine größere Belastung. Erramma fand keinen Ausweg. Ihre Nachbarin Begum macht sich Sorgen: „Viele Frauen in der Gegend nehmen diese Kredite. Dann können sie nicht zurückzahlen, laufen weg und begehen Selbstmord.“

5.) Die wohltätigen Pioniere der Mikrokreditvergabe haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben bewiesen, dass sich die Kreditvergabe an die Armen doch als kapitalistisches Geschäft lohnen kann. Also wird dieses Geschäftsfeld auch für die internationale Finanzbranche interessant:

Die Nobelpreisidee: Mikrokredite sind ein populäres Instrument der Armutsbekämpfung – spätestens seit 2006 der Ökonom Muhammad Yunus und die von ihm gegründete Grameen Bank aus Bangladesch den Friedensnobelpreis bekamen. Im Unterschied zu klassischen Bankkrediten basieren Kleinkredite auf der Annahme, dass auch arme Menschen unternehmerisch handeln können und grundsätzlich kreditwürdig sind.

Die Branche ist eine der wenigen Finanzindustrien, die noch nicht von der globalen Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen wurde. In Indien wächst die Industrie derzeit nach Branchenschätzungen um 80 bis 100 Prozent pro Jahr. Mikrokredite gelten hier als sattelfest, weil die armen Leute bisher immer brav zurückzahlten. Das Land ist der größte Markt für Mikrokredite der Welt. Nach Angaben der US-Bank Citigroup nutzen inzwischen 70 bis 80 Millionen Inder Kleinstkredite.

Doch Jayasurya hält das für unberechtigt. Nur zwei Prozent aller Mikrokredite in Indien werden bislang nicht zurückgezahlt. […] In Indien leben über 800 Millionen Menschen von weniger als zwei Dollar am Tag – viele von ihnen sind potenzielle Kunden. Auch deshalb wächst das Kreditvolumen der Branche jährlich um 60 Prozent. Solche Zahlen gefallen den Investoren.

Es ist also einigermaßen absurd, wenn sich einige der Pioniere beschweren, dass, nachdem genau das eintritt, was sie wollten, nämlich, dass Banken endlich Kredite an die Armen vergeben, weil sie sich davon ein lohnendes Geschäft erwarten. Und erst recht absurd ist es, angesichts des für ihren Beweiszweck genau passenden Umgangs mit den Armen, dass jetzt an die Banken der Vorwurf herangetragen wird, dass es denen ja nur ums Geschäft und nicht um Wohltaten für die Menschen gehen würde. Na sowas.

6.) Bei der taz ist man dann wenigstens so konsequent, gleich einen ganz anderen Sorgestandpunkt als den um die Armen einzunehmen, auch wenn ein bisschen demonstratives Mitleid für diese schon sein muss. Viel wichtiger ist ihr aber, dass die Finanzbranche auch mit diesen Geschäften schon wieder die nächste Krise heraufbeschwöre, also unser schönes kapitalistisches Wachstum gefährde:

Der Ökonom Sanjay Sinha leitet MCRIC, die führende Ratingagentur für Mikrokredite in Neu-Delhi. Er schlägt Alarm: „In Indien und weltweit trägt das Mikrofinanzwesen heute die Charakterzüge der westlichen Finanzmärkte vor ihrem Zusammenbruch.“ Sinha rechnet vor, dass den später bankrotten Hausbesitzern in den USA Hypotheken im Wert von 120 Prozent ihres Eigentums eingeräumt wurden. „Auf dem Land in Indien aber bekommen die Bauern heute Kredite im Wert von 150 Prozent ihres Besitzes“, sagt Sinha.

Er nennt auch den Grund dafür: „Das Mikrokreditwesen ist überhitzt. Bei 80 Prozent Wachstum will heute jeder in die Branche investieren. Die Mikrokreditinstitute sehen darin die große Chance, ihren Marktwert zu erhöhen. Doch um die neuen Investoren zu überzeugen, brauchen sie diese wahnsinnigen Wachstumszahlen. Also ist ihnen derzeit jeder zusätzliche Kredit recht, um die Bücher zu füllen.“

7.) Denn vom Standpunkt der Armutsbekämpfung aus wäre dieser Vorwurf einigermaßen in sich widersprüchlich. Wenn Mikrokredite – wie behauptet – so ein prima Mittel gegen die Armut sind, wie können es dann überhaupt zu viele Arme sein, die in den Genuss eines solchen Kredits kommen? Wie kann es denn sein, dass früher zu wenig Kreditvergabe an die Armen als Armutsfalle für deren Elend verantwortlich gewesen sein soll und jetzt zu viele Kredite? Aber darüber muss man eben hinwegsehen, wenn man sich wie taz & Co. von vornherein auf einen Sorgestandpunkt um den Kapitalismus stellt, weshalb dieser an den ganzen Auswüchsen seiner, an denen man sich stört, gar nicht verantwortlich sein kann. Schließlich ist man ja unideologisch …

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2 Gedanken zu “Arme in der Armutsfalle

  1. Pingback: Mikrokredite « Scharfe Kritik

  2. Pingback: prantl, du sozialsau! « umwerfend

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