Lernen braucht kein Abitur

Die Fakten sind bekannt: letzten Sonntag war der von der Initiative „Wir wollen lernen“ (externer Link) initiierte Volksentscheid erfolgreich. Somit entscheidet sich auch in Hamburg weiterhin nach der vierten, statt nach der sechsten Klasse, ob es die lieben Kleinen aufs Gymnasium schaffen, oder ob sie von diesem ausgeschlossen bleiben. Dieser Sieg wird von konservativen Bildungspolitikern als eine „Absage an jede Ideologie“ (Peter Hauk, CDU – externer Link) gefeiert. Die Kinder nach Klasse vier zu selektieren, soll also so selbstverständlich sein, dass alles andere Ideologie ist, während man selbst ja nur pragmatisch das Selbstverständliche umsetzen wolle.

103,5 ! :O


Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich – und das fängt schon beim namensgebenden Slogan der erfolgreichen Initiative an. Wenn man lernen wollte, würde man doch einfach ein Buch lesen und dieses besprechen, sich in VHS-Kurse (z.B. über Prozentrechnung 😉 ) einschreiben, oder sich auf einem anderen Wege neues Wissen zuführen. Der Initiative geht es aber weder um die Nutzung dieser Möglichkeiten, noch darum, sie (besser als bisher) nutzen zu können und so hat sie auch niemand missverstanden. Ihr politisches Ziel war mit dem Inhalt des Volksentscheids schließlich genauso klar, wie dass sie diesen Slogan – ganz unideologisch, versteht sich – den Kids in den Mund gelegt haben.

Aber das war selbstverständlich nicht die einzige unideologische Großtat von „Wir wollen lernen“ und noch nicht mal die hauptsächliche. Denn auch beim Nachwuchs geht es der Elterninitiative schließlich nicht darum, dass dieser ausreichend Zeit und Mittel bekommen, um sich neues Wissen anzueignen. Mehr Lehrer, kostenlose Lehrmaterialien für alle, vernünftige Lehrplaninhalte etc. waren schließlich nicht die Forderung im Volksentscheid, sondern, dass die Sortierung ob Gymnasium oder nicht, wie bisher schon nach vier Schuljahren stattfindet. Was übrigens selbst dann noch nichts mit der Möglichkeit zum Lernen für die Kinder zu tun hätte, wenn man unterstellt, dass die Lernbedingungen am Gymnasium am Besten sind. Dann müsste man schließlich enthusiastisch dafür eintreten, dass alle Kinder aufs Gymnasium kommen, wenn einem so sehr an deren Wissenserwerb gelegen ist.

Stattdessen fordert man jedoch gerade den frühstmöglichen Ausschluss vom Gymnasium und zwar gerade den Ausschluss derjenigen, die noch am Meisten zu lernen hätten. Dass dieser Ausschluss stattfindet, ist übrigens von den Machern und Befürwortern der Hamburger Schulreform genauso gewusst und gewollt, wie bei deren Gegnern von „Wir wollen lernen“, wenn es ohnehin lediglich um die Frage geht, nach wie vielen Schuljahren der passende Zeitpunkt für diese Selektion erreicht ist.

Sachlich erreicht ist dieser, vom Standpunkt des Lernens aus betrachtet, freilich nie, denn sich Wissen – aus welchen Gründen auch immer – langsamer anzueignen als andere, hieße von diesem aus betrachtet nur, dass man eben mehr Zeit zum und mehr Unterstützung beim Lernen bekommen muss. Im kapitalistischen Bildungswesen ist das jedoch gerade die Begründung dafür, einem vom Gymnasium und damit von ‚höherer‘ Bildung auszuschließen und damit auch von Karriereoptionen in den Jobs der Elite. Ein abgeschlossenes Studium ist schließlich die Zugangsvoraussetzung für die Konkurrenz um diese, ein (gutes) Abitur die Zugangsvoraussetzung für die Konkurrenz um die Studienplätze etc. Was auch der ganze Zweck dieser Veranstaltung ist: weil es nur eine begrenzte Zahl an Jobs der Elite gibt, würde es für den bürgerlichen Staat schlicht eine Geldverschwendung darstellen, alle potentiellen Arbeitskräfte zwölf, dreizehn oder auch mehr Jahre zur Schule und anschließend noch ein paar Jährchen auf die Uni gehen zu lassen. Schließlich müssten nicht nur viel mehr Plätze im Bildungswesen finanziert werden, sondern die Lernenden stünden auch „dem Arbeitsmarkt“, also den Kapitalisten oder mitunter auch dem bürgerlichen Staat selbst, erst später zur Verfügung. Und das alles für die Vermittlung eines Wissen, dass die in den ihnen zugedachten Jobs ohnehin nicht brauchen, sondern sie für diese möglichst noch „überqualifiziert“ machen würde.

Da kann es vom Standpunkt des Lernens aus noch so absurd sein, dieses unter das Diktat der Note (externer Link) zu stellen – seinem Zweck wird dieses Mittel völlig gerecht. Und zwar nicht nur dadurch, dass die Selektion stattfindet, sondern auch dadurch, dass es für deren allgemeine Anerkennung sorgt. Weil sich in ihr alle in der gleichen Zeit am gleichen Lehrstoff bewähren müssen, also Chancengleichheit herrscht, bekommt die an den Schülern vorgenommene Selektion glatt den Ruf, dass es in ihr darum gehen würde, jeden genau mit dem für ihn passenden Bildungs- und Berufsweg zu versorgen. An diesem felsenfest stehenden verkehrten Urteil über das Bildungswesen kann nicht einmal rütteln, dass der bürgerliche Staat großzügig je nach geschätzten Bedarf an Bewerbern um die Jobs der Elite mal feststellt, dass viel zu viele Dummis mit nach oben durchgeschleift werden würden, oder dass es lauter ungenutzte Begabungsreserven gäbe. Denn auch wenn damit klargestellt wird, was sachlich ohnehin klar ist, nämlich, dass es nicht um individuelle Entfaltung geht, wenn man durch das Bildungswesen auf die verschiedenen Stufen der Arbeitsmarktkonkurrenz sortiert wird, wird selbst diese Klarstellung noch als ein Scheitern der Selektion im Bildungswesen an ihrem eigentlichen Zweck ausgemacht.

Innerhalb dieses Streits um die wirklich gerechte und damit genau menschengemäße Sortierung für den Arbeitsmarkt bewegen sich auch Befürworter wie Gegner der Hamburger Schulreform. Während deren Macher und Befürworter zwei Jahre mehr Zeit wollen, um soziale Gründe für langsameres Lernen auszugleichen, damit danach dann wirklich leistungsgerecht selektiert werden kann, wird von „Wir wollen lernen“ die in diesem Alter einsetzende Pubertät und der damit verbundene Leistungsabfall als Hinderungsgrund für eine wirklich passgenaue Selektion angeführt, ohne das freilich als Grund zu nehmen, dann die Selektion wenigstens in diesem Alter gleich ganz auszusetzen – und so weiter. Ganz klar, dass der Erfolg dieser Position in diesem Streit nur „eine Absage an jede Ideologie“ sein kann.

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3 Gedanken zu “Lernen braucht kein Abitur

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