„Der Kunde ist König“

Mit der Kunstfigur des Königs, die in jedem Kunden steckt, setzen sie auf die Legende von der „Wohlstandsgesellschaft“ noch eins drauf. Mit dem reichhaltigen Warenangebot des Kapitals soll sich der Mensch nicht nur gut bedient sehen, die herrschaftliche Metaphorik präsentiert den Kunden sogar als den eigentlichen Herrn der Produktion. Er bestimmt ihren Inhalt und ihre Richtung, das Was, Wie und Wieviel. Mit Anleihen bei der Volkswirtschaftslehre wird der Kaufakt als Abstimmungsverfahren gedeutet, bei dem die Kunden mit Hilfe ihrer Geldscheine Signale setzen und Weichen stellen für das in Zukunft Gewünschte an Produkten und Dienstleistungen.

Den gesamten Text lesen (externer Link, pdf): Ideologien über Konsum und Konsument in der Marktwirtschaft

Foto von Juliano Mattos (Flickr)

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6 Gedanken zu “„Der Kunde ist König“

  1. Kein sonderlich tauglicher Text, den Du da verlinkst. Es stimmt ja, dass sich manch ein Kunde als König aufführt – nur deswegen ist er es eben noch lange nicht. Genauer: der ganze Kram in den Supermarktregalen ist ja ausschließlich für den Zweck produziert, das Geld des Kapitalisten zu vermehren, wozu es verkauft, also zu Geld gemacht werden muss. So ein Handelskapitalist, dessen ganzes Geschäft darin besteht, diese Umwandlung in Geld zu bewerkstelligen, wird seine Angestellten also selbstverständlich darauf drillen, sich ja bloß verkaufsfördernd, also kundenfreundlich, zu verhalten.

    Und genau darauf bezieht sich auch so ein Königskunde. Dass die Dinge nur dazu da sind, um Geld auf sich zu ziehen, heißt für ihn wie für alle anderen Mitglieder der Gesellschaft schließlich zweierlei. Zum einen, dass er von den ganzen tollen Krempel in den Regalen ausgeschlossen ist, also Geld herausrücken muss, um auf diese zugreifen zu können. Eine Eigentumsordnung, hinter der die gesamte bürgerliche Staatsgewalt steht. Zum anderen kann er eben mit Geld – und dann kommt es eben auf die Menge an, über die er verfügt – auf jedes Produkt zugreifen. Dieses bisschen Zugriffsmacht, was man über seinen Lohn oder seine Sozialtransferleistung hat, nutzt man halt beim Einkaufen. Der Königskunde macht daraus aber die psychologische Verlängerung, dass er dafür, ein Stückchen Zugriffsmacht zu haben und dieses Geld gerade zu jenem Kapitalisten zu tragen und somit dessen Zweck aufgehen zu lassen, entsprechend gebauchpinselt werden will. Und er trifft dabei – wovon er ausgehen kann – auf ein Personal, dass ihm diese Bauchpinselei leisten muss, weil der Kapitalist es darauf verpflichtet hat und welches dieser Verpflichtung Folge leistet, weil es auf das Geld aus diesem Job angewiesen ist.

    Genau deswegen kommen solche Leute darauf, „nur zu nehmen was ihnen zusteht“ – schließlich sind sie ja die Träger des Geldes, welches ihnen ein Stück Zugriffsmacht verschafft, und welches jeder Kapitalist in Konkurrenz zu allen anderen Kapitalisten auf sich ziehen möchte. Von wegen also, die wären sich über die Gründe ihres Handelns nicht im Klaren.

    Das alles ändert nur gar nichts daran, dass die Rede von „der Kunde ist König“, „Konsumentenmacht“ etc. außer im Luxussegment ökonomisch völlig an der Realität vorbei geht. Wenn man sich nur entscheiden kann, auf welche Waren man mit seinem bisschen Geld zugreift und auf welche man verzichtet, dann ist deren Produktion eben längst gelaufen. Und dann kann man sich noch so ärgern, dass Produkt X aus dem Sortiment genommen wurde und Produkt Y eine Sollbruchstelle enthielt, wegen der man schon wieder was Neues kaufen muss – welche Produkte hergestellt werden, wie deren Qualität aussieht, wie es um die Arbeitsbedingungen bestellt ist, unterliegt eben ausschließlich den Profitrechnungen der Kapitalisten innerhalb der Rahmenbedingungen, die ihnen der bürgerliche Staat dafür setzt.

    Angesichts dessen mit dem Zeigefinger auf die Konsumenten zu zeigen, weil die als „König Kunde“ ja billig wollten und deshalb selbst schuld wären, wenn der Kram nix taugt, die Umwelt verpestet wird und Arbeiter geschunden werden, weil sie ja die Kapitalisten zur Produktion von Billigramsch zwingen würden, ist daher reichlich sachfremd – wenn auch äußerst beliebt, um die armen getriebenen Kapitalisten in Schutz zu nehmen. Als wäre es nicht überhaupt nur den von ihnen betriebenen gesellschaftlichen Zweck der Geldvermehrung zu verdanken, dass das sachfremde Kriterium billig Teil einer Konsumentscheidung wird und im Zweifelsfall Qualitätsmängel etc. aufwiegt. Schließlich müssen die Konsumenten, mit einem Lohn, welcher dem Zweck der Geldvermehrung derjenigen, die ihn zahlen, entsprechend ist – oder gleich ganz ohne Lohn, wenn sie dafür nicht gebraucht werden – ihre Reproduktion mit Produkten bestreiten, von denen sie erstmal ganz prinzipiell ausgeschlossen sind und an die sie nur gegen Geld rankommen.

  2. Die Untauglichkeit nehme ich mal als Kompliment. Auch wenn ich angesichts deiner Kritik befürchte, dass sie sich nicht sehr stark auf den Inhalt des Textes bezieht, den ich geschrieben habe.

  3. Meine Kritik bezieht sich schon soweit auf Deinen Text, wie man sich auf einen argumentfreien Aphorismus inhaltlich beziehen kann. Ich schreibe schließlich, was der Fehler ist, den Du machst: Du unterstellst den Leuten, dass sie nicht wüssten, was sie tun, wenn sie sich als König Kunde aufspielen, weshalb sie sich im Nachhinein irgendwelche beliebigen Rechtfertigungen dafür ausdenken würden. Dass dem nicht so sein kann, schreibst Du dann sogar selbst, wenn auch freilich, ohne es zu merken: diese Leute sind schon mit dem Bewusstsein unterwegs, dass ihnen genau die Bauchpinselei, welche sie sich von der Supermarktbedienung einfordern, auch zustünde. Dann wissen sie aber auch, was sie da treiben.

    Den Willen, sich bauchpinseln zu lassen, legen sie sich zu, weil das ihrer Persönlichkeitspflege dient; das moralische Rechtsbewusstsein, dass ihnen das auch zustünde, leiten sie aus ihrer tatsächlichen Stellung her, dass der Kapitalist selbst auf ihr bisschen Geld noch scharf ist, weil das für seinen Gewinn auf seine Waren gezogen werden soll. Dann soll er (resp. seine Angestellten) sich halt auch um einen bemühen. Na klar ist das eine Rechtfertigung ihres Interesses an der Bauchpinselei und das Schikanieren des Personals für diese, aber das Interesse muss man dafür eben schon haben.

    Also auch Dein Thema hast Du falsch erklärt, sofern man da überhaupt von Erklärung sprechen kann. Dass Du es als Kompliment nimmst, wenn man Dir Fehler nachweist, statt diese einfach bleiben zu lassen, kann ich nun auch nicht ändern. Und nummer.drei soll mal sagen, was Dein Thema mit dem Thema des im Artikel verlinkten Textes zu tun hat … dass Dein Text da nix widerlegt, schon weil er eben ein anderes Thema hat, ist Inhalt der letzten beiden Abschnitte meines vorherigen Kommentars.

    • Nach deiner Erklärung glaube ich, wir sind uns im Grunde gar nicht so uneinig. Du würdest doch zustimmen, dass sie es eben nicht eigentlich wissen (kein Bewusstsein ob ihrer Stellung im Produktionsprozess). Aber eben sich ihrer daraus hervorgehend Macht doch so sicher bedienen, dass sich unterstellen lässt, sie wüssten insgeheim darum? Der Widerspruch in meinem Text ist schon beabsichtigt. Ich vermute da gibt es in der Sache eine Ambivalenz.

      Ist unser Streitpunkt nur der Bewusstseinsgrad?

      Ich fühle mich ja sehr unwohl in der Rolle dessen, der unseren Konflikt klein redet, aber ich genieße lange Diskussionen in Internet-Foren nicht und hoffe noch einen Abschluss zu finden, der für etwaige Leserinnen interessant und klärend bleibt.

      PS: Ich entschuldige mich für den Vorwurf des fehlenden Bezugs.

      PPS: Untauglichkeit ist für mich nun einmal eine schöne Sache. Ich weiß schon, dass du es anders gemeint hast. Hätte ein Witz sein sollen.

  4. Vielleicht ist unsere Differenz bei diesem Thema tatsächlich nicht so groß. Denn dem, dass sich die Leute nicht objektiv auf die Eigentumsordnung beziehen, sondern interessiert als Eigentümer – und sei ihr Eigentum noch so kümmerlich -, würde ich sofort zustimmen. Ebenso dem, dass sie bei ihrem Auftreten als Eigentümer die ganze Eigentumsordnung hinter sich wissen und daher froh sind, dass diese ihnen ihre Betätigung als Eigentümer samt deren psychologischen Verlängerungen ermöglicht, wofür sie den ganzen Ausschluss, welchen die Eigentumsordnung für sie bedeutet, in Kauf nehmen. Und nicht einmal dem, dass ihnen dieser Gedanke so sehr zur Gewohnheit geworden ist, dass er ihnen einfach als selbstverständlich gilt, und nicht jedes mal wieder eine großartige Denkleistung beansprucht, würde ich widersprechen. Wenn Du das so gemeint hast, brauchen wir daher echt nicht weiter zu streiten.

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