„Argument“ # 1

Man ist ständig mit den ewiggleichen „Argumenten“ konfontiert – daher werden in diesem Blog ab jetzt diese  „Argumente“  gesammelt und aufgezeigt, wie widersinnig sind (daher auch die Anführungszeichen).

„Argument“ # 1: „Wir“ müssen, um „unseren“ Wohlstand halten zu können, wettbewerbsfähiger werden.

VERSION 1 (von einem User als Kommentar bei derstandard.at gepostet):

„Unsere Volkswirtschaft steht in harter Konkurrenz zu anderen Volkswirtschaften. Und wenn unsere Volkswirtschaft unseren Wohlstand nicht mehr erwirtschaften kann, weil Hürden wie Lohnkosten, Abgabenquote, enorme Staats- und Sozialquoten, neue Steuern usw. das Wachstum abwürgen, dann landen die Wertschöpfung und der Wohlstand eben woanders (etwa in China) und wir haben nichts mehr zum Verteilen bei uns.“

Zu allererst wird so getan, als würden Länder „von Natur aus“ in Konkurrenz stehen. Das ist nicht richtig: Man muss schon konkurrieren wollen, erst dann stellt sich die Frage, ob man vielleicht verliert. Wenn ich bei einem Wettbewerb nicht mitmache, kann ich auch nicht verlieren. Österreich steht in Konkurrenz zu anderen EU-Ländern und dem Rest der Welt, weil das der österreichische Staat, weil es die Regierung so will.

Zweitens ist pauschal von „unserem“ Wohlstand die Rede, womit davon abgesehen wird, dass der gesellschaftliche Reichtum nicht nur extrem ungleich verteilt ist, sondern auch noch davon, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem wachsenden Reichtum der einen (Kapital) und der ebenso wachsenden Armut der anderen (Lohnabhängige). Lohnabhängig-Sein heißt bekanntlich, über so wenig Eigentum zu verfügen, dass man in aller Regelmäßigkeit seine Arbeitkraft verkaufen muss – unter widrigsten Bedingungen. Dabei ist man in einer sehr miesen Position, denn ob man seine Arbeitskraft loskriegt, entscheidet man nicht selber, sondern man ist abhängig davon, dass das Kapital diese Investition für rentabel hält. Rentabel heißt: man steckt weniger rein, als man rauskriegt. Kapitalistische Unternehmen stellen Leute ein, wenn sie ihr Eigentum mehren (1). Das nennt man dann in der Mainstream-VWL „Wertschöpfung“.

Drittens – und das ist das besonders absurde und auch bösartige an der obigen „Argumentation“ – wird behauptet, „unser Wohlstand“ ließe sich halten, wenn man „konkurrenzfähiger“ wird. Praktischerweise nennt der Kommentator gleich auch noch die einschlägigen Maßnahmen zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit: Lohnkostensenkungen, Sozialabbau etc. Der Kommentator will also behaupten, sinkende Löhne sicherten den „Wohlstand“. Sinkende Löhne und Sozialbbau sind aber, das weiß nun wirklich jeder, das Gegenteil von „Wohlstandsteigerung“: der Effekt von beidem ist die Verarmung der Mehrheit der Bevölkerung, also die Wohlstandsminderung.

Das Rätsel darum, wieso der Kommentator meint behaupten zu müssen, durch Wohlstandsminderung ließe sich Wohlstand halten, löst sich auf, wenn man nochmal bedenkt, wer das „uns“ in „unserem Wohlstand“ ist – und das in Beziehung setzt mit „Wertschöpfung“. Gemeint sind schlicht kapitalistische Unternehmungen. Na klar: deren Vermögen wächst, wenn man die Löhne drückt, also die Mehrheit der Bevölkerung verarmt.

Noch einmal in Reinform (derselbe User):

mit hohen lohnabschlüssen werden wir uns nachhaltig ruinieren und der wohlstandsverlust wird nie wieder aufholbar sein.

Da ist es, so will es der User nahelegen, schon besser, „wir“ verarmen die Bevölkerung mit niedrigen Lohnabschlüssen – das sichert „unseren“ Wohlstand ganz sicher. Nur halt nicht den Wohlstand der Lohnabhängigen. Sondern den der Klientel von Veit Sorger und Konsorten. Übrigens: darauf, was diese Klientel unter „hohen Lohnabschlüssen“ versteht, sei hier am Rande verwiesen – das fügt sich bestens in die ganze „Argumentation“.

Die ganze Argumentation gibt es noch ein bisschen ausgefeilter. Wieder wird als Beispiel ein Kommentar eines Users auf derstandard.at herangezogen.

VERSION 2:

es geht um die konkurrenzfähigkeit bis die schwellenländer in etwa unser niveau erreicht haben

durch mäßigung bei löhnen, lohnnebenkosten, sozialleistungen kann ein allzu rasches abwandern der wirtschaftlichen aktivitäten (das zudem noch mit einem abwandern der eigentumsverhälnisse einhergeht) nach osteuropa, asien und den arabischen raum verhindert werden. auf einen teil verzichten, bis die welt der schwellenländer unser lohn-preis-niveau erreicht hat, ist besser als die konkurrenzfähigkeit zu verlieren und dann zum wirklichen niedriglohnland zu werden.

Im Großen und Ganzen deckt sich die „Argumentation“ mit der obigen, nur zwei Punkte treten hinzu:

Erstens wird unterstellt, es sei von Belang, ob ein kapitalistisches Unternehmen einem österreichischen Kapitalisten gehört oder nicht. Das ist ein billiger Appell an den Nationalismus österreichischer Lohnabhängiger: sie sollen sich einbilden, es mache einen Unterschied, ob ihnen ein österr. Unternehmen oder z.B. ein chinesisches wenig Lohn zahlt, sie rumkommandiert und immer wieder erpresst („Entweder unbezahlte Überstunden oder …“ – man kennt das ja.). Es ist in Wahrheit ohne jeden Belang, ob ein Unternehmen einem Österreicher gehört oder nicht, da ja nicht plötzlich ganz andere ökonomische Mechanismen am Werke sind, nur weil Österreicher am Werke sind. Ganz offensichtlich soll mit der Herkunft der Eigentümer auch nahegelegt werden, österr. Eigentümer hätten sowas wie ein „Verantwortungsgefühl“ gegenüber österr. Lohnabhängigen. Aber wenn dem so ist, wieso erpressen sie dann die österr. Lohnabhängigen immer mit der Verlagerungs- und Abwanderungsdrohung? Die Wahrheit ist die: die einzige Verantwortung, die Kapitalisten hier wie da wahrnehmen, ist die, noch mehr Geld aus ihrem Geld zu machen – durch Ausbeutung der Lohnabhängigen; und wenn das in China oder Taiwan dank noch bescheidener Lohnabhängiger (2) besser geht, dann gehen sie eben nach China oder Taiwan. Man sollte sich von dem Pseudoargument „österreichischer Eigentümer“ also nicht einlullen lassen.

Zweitens wird suggeriert: Nur einmal ein bisserl Löhne senken, Lohnnebenkosten senken (Lohnnebenkosten sind Bestandteil des Lohns, mit dem Unternehmen kalkulieren; wer LNK senken will, will Löhne senken)  und Sozialabbau, dann wird alles gut. Besser jetzt ein bisschen verarmen statt gänzlich.

Der Witz daran ist, dass diese „Argumentation“ an allen Standorten bedient wird, egal ob Hongkong, Griechenland oder Österreich u.s.w., denn diese Standorte stehen ja (weil es die Politik so will) in Konkurrenz zueinander. Soll heißen: wenn hier Löhne gesenkt werden, dann sinken sie auch kurz später woanders, weil die konkurrierenden Standorte ja ihrerseits ihre „Wettbewerbsfähigkeit“ steigern wollen (und die kapitalistischen Unternehmungen hier wie da erpresserisch auftreten). Dann aber sind hier die eh schon gesenkten Löhne wieder „zu hoch“, nicht mehr konkurrenzfähig. Und dann heißt es was? Na klar: „Nur einmal ein bisserl Löhne senken etc, dann wird alles gut.“ Man kennt das ja alles schon aus vergangenen Jahren, genau diese „Argumentation“ wird seit Ewigkeiten für miese Kollektivvertragsabschlüsse herangezogen etc. Und so manövriert man das Ganze Richtung – richtig geraten – Niedriglohnland. Und die Lohnabhängigen werden hier wie da von kapitalistischen Unternehmungen erpresst.

—–

ANMERKUNGEN:

(1) Man kann das sich das extremst vereinfacht so vorstellen, Beispiel: einer Person gehören alle Ländereien in einem Dorf. Alle anderen haben nichts, brauchen aber etwas Land, um dort für sich was anbauen zu können fürs Überleben. Da alles Land der einen Person gehört, müssen sie zu dieser gehen und betteln: „Bitte lass‘ mich ein bisschen von deinem Land nutzen“. Der Landeigentümer sagt dann vielleicht: „OK, du darfst etwas Land nutzen, aber nur unter Bedingung, dass du von 8:00-16:00 Tag für mich schuftest – den Rest des Tages darfst du für dich nutzen.“ Fast den ganzen Tag lang muss man dann das Eigentum des Landeigentümers mehren. Das bisschen, was man für sich selber rauskriegt, reicht immer nur bis zum nächsten Dienstantritt. Vielleicht sagt der Landeigentümer aber auch: Nö, derzeit kein Interesse.  Dann verhungert man. Und vielleicht sagt der Landeigentümer, nachdem man ein paar Jahre bei ihm schuften ‚durfte‘, plötzlich: kein Interesse mehr. Auch dann ist Schluss mit ‚lustig‘. Klar ist auf jeden Fall: es handelt sich um eine Erpressung: „Entweder du setzt dich ein für die Vermehrung meines Eigentums oder du verreckst. Sei mir Untertan – aber du hast natürlich die großartige Wahl, mir nicht Untertan zu sein, was mit dem Hungertod belohnt wird; so frei bist du schon.“

Im Kapitalismus gibt es natürlich nicht nur GrundeigentümerInnen, sondern das ganze spielt sich auf nem höheren Level ab – mit Fabriken, die in Privateigentum sind etc. Das Prinzip ist aber das gleiche, auch hier geht es um Erpressung. Das ist der Grund weshalb KommunistInnen Grund, Boden und die Produktionsmittel (Fabriken etc) vergesellschaften wollen: das Privateigentum soll abgeschafft werden, damit niemand mehr derart bestialisch erpresst werden kann.

(2) Diese Bescheidenheit kommt weder in China noch in Taiwan, und auch nicht in Österreich oder Deutschland, von irgendwoher – sondern wird von der Politik erzwungen durch staatlicherseits durchgesetzte Verarmung (das beste Beispiel ist hier das berühmt-berüchtigte Hartz-IV. Hierzu Schröder in Davos: „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. Ich rate allen, die sich damit beschäftigen, sich mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen, und nicht nur mit den Berichten über die Gegebenheiten. Deutschland neigt dazu, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, obwohl es das Falscheste ist, was man eigentlich tun kann.“ – Immerhin ehrlich, auf dem WEF zumindest. )

Foto von Robert Scoble (Flickr)

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Ein Gedanke zu “„Argument“ # 1

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