Lohnstückkosten

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Wenn über Löhne debattiert wird, ist oft die Rede davon, dass die Löhne in Deutschland und Österreich ja gestiegen wären im Laufe der letzten Jahrzehnte. So hieß es z.B.in der FTD im März 2010, „erstmals seit Kriegsende sinken die Löhne“, was ja heißt, davor wären sie nicht gefallen. Die Wahrheit ist: ja, da ist sogar ein bisschen was dran (nur ein bisschen, weil natürlich in manchen Branchen die Löhne schon sanken). Die Wahrheit ist aber auch: das ist nicht die ganze Wahrheit!

Man kann nicht bestreiten, dass im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung die Löhne in manchen Branchen und Positionen auch schon mal rauf gingen. Aber spricht das dafür, dass die herrschende Wirtschaftsweise für alle Wohlstand schafft? Nein. Warum dem so ist, soll hier kurz darlegt werden.

Wer sachlich debattieren will, sollte strenggenommen nicht allgemein über Löhne reden. Sondern über Lohnstückkosten:

Die Lohnstückkosten lassen sich berechnen, indem man die gesamten Lohnkosten ( Lohn, Kosten), die in einer Rechnungsperiode anfallen, durch die Ausbringungsmenge (Ausbringung), die produziert wird, dividiert. Die Lohnstückkosten zeigen damit, in welchem Maße ein s Produkt mit Lohnkosten belastet (lohnintensiv) ist. (Wirtschaftslexikon)

Gemeint sind also die Lohnkosten, die auf das einzelne Produkt entfallen. Zum Beispiel: auf die einzelne Cola-Flasche.

Betrachten wir mal die Entwicklung in Deutschland bis 2006. Zuerst die Löhne:

Sowohl in Deutschland als auch Frankreich sind in den betrachteten Jahren die Löhne gestiegen – in Frankreich allerdings in größerem Ausmaße. Die deutsche „Lohnzurückhaltung“ schon vor der Krise ist nach dem Handelsblatt übrigens der Grund dafür, dass Deutschland die Krise „gut überstanden“ hat – womit die Unternehmen gemeint sind, die Gewinne scheffeln wie eh und je.

Wer obige Grafik betrachtet, erhält den Eindruck, summa summarum wäre eh alles OK, vielleicht ein bisschen mehr Lohn – wie in Frankreich zum Beispiel – wäre ganz gut, aber weit und breit keine wachsende Armut zu sehen. Oder? Das ist der Witz an solchen Grafiken. Diese Idylle zerplatzt sehr schnell, wenn man sich die Lohnkosten UND die Lohnstückkosten anschaut, hier nur für Deutschland:

Wie kann das sein? Wie können zum einen die ausgezahlten Löhne rauf gehen, gleichzeitig aber die Lohnstückkosten sinken? Die Grafik verrät das Geheimnis, Stichwort Arbeitsproduktivität. Und der zweite Hinweis ist auch schon gefallen in diesem Absatz: ausgezahlte Löhne. Denn die Lohnstückkostensenkung kommt durch nichts anderes als durch Rationalisierung zustande. Mithilfe von Maschinen und Co. wird die Potenz von Arbeit gesteigert, ein einzelner Lohnarbeiter erledigt wesentlich mehr Arbeit in der Stunde als zuvor – bei verschärfter Arbeitsintensität, da nun unter dem Diktat einer Maschine stehend -, das senkt die Lohnstückkosten schon mal. Des Weiteren ermöglicht es den Unternehmen, viele LohnarbeiterInnen zu kündigen.

Beispiel: 1 Lohnarbeiter erledigt an der Maschine die Arbeit, die vorher 20 erledigten. Man kann also Lohnkosten sparen, indem man die Mehrheit der ArbeiterInnen kündigt. Da das Unternehmen mithilfe der gesenkten Lohnstückkosten Marktanteile erringen will, wird es nicht 19 LohnarbeiterInnen kündigen, aber z.B. 18. Die verbleibenden 2 LohnarbeiterInnen erzeugen nun unter enormem Zeitdruck, unter dem Diktat der Maschine die doppelte Anzahl an Stücken (Produkt). Durch das massive Senken der Lohnstückkosten, kann das Unternehmen auch einen Extraprofit einheimsen – nämlich zum Marktpreis verkaufen (bzw. minimal drunter), obwohl die Kosten viel niedriger waren. Dieser Vorteil währt aber nicht lange, denn auch die Konkurrenz wird nun die Lohnstückkosten senken – also Arbeitsintensität hochschrauben, kündigen -, um mithalten zu können.

Bereits seit den 1980ern gibt es in Deutschland mehr als 2 Millionen Arbeitslose – was von Rationalisierungserfolgen zeugt. Den in manchen Branchen über bestimmte Zeiträume hinweg ansteigenden Löhnen stehen wachsende Arbeitslosenheere gegenüber, also Menschen, die von den Unternehmen auf die Müllhalde geschmissen wurden – und damit auf die Armut zurückgeworfen sind, die alle Lohnabhängigen teilen; – und die immer nur kurz und äußerst bescheiden überwunden werden kann, indem man sich den Unternehmen und dessen Ziel – Profit – unterwirft. Wie bescheiden die Überwindung der Armut des Proletariats dabei ist, zeigen die Working poor. Lohnarbeit ist eben nicht das Mittel der Lohnabhängigen, sondern das des Kapitals.

Lange Rede, kurzer Sinn: die Lohnabhängigen verarmen in der Gesamtheit auch bei steigenden ausgezahlten Löhnen, da immer mehr von ihnen „freigesetzt“ werden.

PS: Die Enwicklung der Lohnstückkosten (auch in Österreich) 1996-2006 in %

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