Der Staat spart – und wenn der Staat spart, dann schränkt er nicht sich ein, sondern andere, z.B. im Bereich der Bildung.

Foto von James Sarmiento (Flickr)

Der Staat spart – und wenn der Staat spart, dann schränkt er nicht sich ein, sondern andere. Er streicht Leistungen seiner Einrichtungen für die BürgerInnen und verlangt ihnen größere Dienste für seine Staatskasse ab. Da geht es den Unis und ihren Mitgliedern nicht anders als all den anderen BürgerInnen, an denen der Staat spart: Im Interesse seiner finanziellen Handlungsfreiheit bekommen die Studierenden verschlechterte Bedingungen serviert, sie müssen wohl bald happige Gebühren fürs Studium entrichten – und auch ein Aufnahmetest ist im Gespräch.

Für Empörung ist somit gesorgt, viele (angehende) Studierende sind der Meinung: Mag die Regierung sparen, woran sie will, an der Bildung darf, ja kann sie gar nicht sparen. Damit würde sie nur sich selbst, Österreich, der internationalen Konkurrenzfähigke it des Standorts schaden; allem eben, worauf es in dieser Nation ankommt. Mit Parolen wie „Unsere Bildung – Eure Zukunft“ pocht der Nachwuchs auf seine Unersetzlichkeit als Ressource für den Konkurrenzkampf der Nation. Eine so wichtige Produktivkraft, meinen die Studierenden, könne der Staat doch nicht so schlecht behandeln wie andere Sozialfälle. Da täuschen sie sich aber gewaltig.
Es ist gerade ihre Rolle als Ressource der Nation, die sie zu spüren bekommen. Wissen spielt in dieser sogenannten „Wissensgesells chaft“ nämlich eine schäbige Rolle: Es ist Hilfsmittel in der Konkurrenz der Kapitale, interessiert nur dann und nur so, wie es dafür taugt. Im Sinn der rentablen Verwendung ihres Wissens wird auch mit akademisch ausgebildeten Leuten als Kostenfaktor kalkuliert.
Teils sind sie für die Leitungsebene von Behörden und Unternehmen vorgesehen, teils repräsentieren sie die technische Produktivkraft des Kapitals gegenüber der einfachen Arbeit. Für die höheren Einkommen, die Staat und Kapital den FunktionärInnen ihrer Sache zahlen, haben sie erst recht dem Bedarf ihrer Auftraggeber zur Verfügung zu stehen, mit Einsatzbereitschaft und möglichst ohne Pausen zu funktionieren, und ohne viel Aufhebens auch wieder abzutreten, wenn für ihre Kenntnisse keine Nachfrage mehr besteht. Und sogar sie haben insgesamt billig zu sein. Erstens für den Staat, was die Herstellung ihrer Qualifikation betrifft, und zweitens für den Arbeitgeber, der aus dieser Qualifikation einen Profit machen will.

Weil es Ressource des Kapitals ist, wird Wissen sparsam ausgeteilt und großzügig weggeworfen:

Insgesamt wird das Wissen dem Volk sehr sparsam verabreicht: Keineswegs sollen alle Leute möglichst viel lernen und wissen, damit sie gut unterrichtet am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, vernünftige Interessen bilden und die zweckmäßig durchsetzen. Jede Menge dummer Menschen sind unserer „Wissensgesellschaft“ gerade recht – für die Rolle als anspruchslose Arbeitskräfte, für die sie vorgesehen sind, brauchen sie nicht allzu viel Kenntnisse. Der Staat, der den Bedarf nach der Ressource „billige Arbeit“ bedient, organisiert das Lernen als einen Selektionsprozess, in dem darüber entschieden wird, wie wenig oder wie viel der einzelne lernen darf. Je nachdem, wie leicht sich eine/r mit den
Anforderungen tut und in der schulischen Konkurrenz vorankommt – je weniger Hilfe und Förderung er/sie also braucht, desto mehr bekommt er/sie, desto länger darf er/sie höhere und hohe Schulen besuchen. Umgekehrt werden diejenigen, die mehr Zeit und Hilfe bräuchten, um sich Wissen anzueignen, früh von weiterer Bildung ausgeschlossen – so dass halber und ganzer Analphabetismus zu den normalen Resultaten der freiheitlichen Schulbildung gehören. Den relativ wenigen AbsolventInnen höherer Schulen steht die ziemlich unwissende Masse gegenüber – und das Größenverhältnis beider Kollektive wird in Bildungsreformen immer wieder dem tatsächlichen Bedarf der Nation angepasst, der sich am Arbeitsmarkt herausstellt.

Der Bedarf des Kapitals entscheidet auch darüber, was überhaupt als wissenswertes Wissen gilt: Manche mögen manches gelernt haben. Ob sie damit eine „Qualifikation“ besitzen, liegt nicht an ihrem Wissen, sondern am Interesse, das ArbeitgeberInnen nach ihren Kalkulationen daran fassen. Ständig wird jede Menge Wissen entwertet, weil das Geschäft nicht im erwarteten Umfang wächst, sich auf andere Felder verlagert, oder Kenntnisse durch ihre Objektivierung in neuer Technik überflüssig werden.
Vor ein paar Jahren waren InformatikerInnen so dringend gesucht, dass man zum Beispiel in Deutschland sogar InderInnen zu importieren wünschte, heute sind  österreichischen AbsolventInnenen der Informatik zum Teil arbeitslos. Ihr Wissen ist keine Ressource, weil das Kapital es nicht braucht. Ansprüche, die einmal mit Schulabschlüssen und akademischen Graden verbunden waren, werden von der Arbeitslosenverwaltung beschleunigt abgewertet: Auch LehrerInnen und IngenieurInnen, wenn sie nicht binnen kurzer Zeit die Nützlichkeit ihrer Kenntnisse für Staat und Wirtschaft beweisen, d.h. wieder eine Anstellung finden, müssen „jede legale Arbeit“ annehmen und sich für Dumpinglöhne ausbeuten lassen – ihr nutzloses Wissen können sie für sich behalten. Der schöne PolitikerInnenspruch, dass Bildung nie so wertvoll war wie heute, ist der reinste Zynismus. Gewiss, ohne gute Ausbildung hat man am Arbeitsmarkt keine Chance, erstens überhaupt eine Anstellung zu finden und zweitens damit auch noch ein ordentliches Einkommen zu erzielen. Mit Ausbildung aber ist nichts entschieden: Sie ist ein Angebot an die Herren und Damen ArbeitgeberInnen, das die zu nichts verpflichtet.

Uni-Reformen noch und nöcher: Die Produktion der Ressource wird ihrem aktuellen Zweck angepasst

BildungspolitikerInnen betrachten das Sparen, das sie den Universitäten aufzwingen, und die Studiengebühren, die sie den Studierenden wohl bald wieder abknöpfen, nicht als bedauerliche Folgen leerer Staatskassen, sondern als wünschenswerte Hebel für „längst fällige Reformen“. Geldnot soll die Institution und die Studenten zu der Sorte Vernunft zwingen, die der Staat von seinen Bildungseinrichtungen sehen will. Rückblickend erscheint den PolitikerInnen das kostenlose Studium und der Beamtenstatus der Lehrenden wie eine Einladung zur Faulheit. „Zu wenig Konkurrenz“, „zu wenig Zwang zur Leistung“, „zu lange Studienzeiten“, „zu wenig ökonomische Effektivität“!
Die Institution, die Lehrende und Lernende von der Konkurrenz ums Geld ein Stück weit freigesetzt hat, damit sie Wissen erarbeiten und sich aneignen, gilt ihnen als eine Fehlentwicklung, ein unkapitalistischer Fremdkörper in unserer besten aller Welten. Studierende sollen billiger und schneller studieren, jünger in die Berufe oder in die Arbeitslosigkeit drängen. WissenschaftlerInnen sollen mehr Forschungsergebnisse liefern, sie schneller der Industrie verfügbar machen und in Produkte umsetzen.

Und was führt all diese Leistungen zuverlässiger herbei als konsequenter Zwang durch mehr Konkurrenz? BildungspolitikerInnen ist es selbstverständlich, dass ProfessorInnen mehr Wahrheiten herausfinden und mehr Wissen ausspucken, wenn man sie nur gehörig unter Druck setzt: Sie sollen „evaluiert“, einem Leistungsvergleich ausgesetzt und mit Leistungslöhnen bezahlt werden (siehe Wissensbilanz und ähnliche Späße); ansonsten haben sie den Wert ihres Nachdenkens durch „Drittmittel“ zu beweisen, die sie bei den Konzernen einwerben können und mit denen diese ihr Interesse an besagter Forschung dokumentieren. Studierende sollen durch den Schuldenberg, den sie im Lauf ihrer Lehrjahre anhäufen, klug werden und schneller studieren, damit ihr Studium den Staat weniger kostet und sich zugleich das Verhältnis von „unproduktiver“ Ausbildungszeit zugunsten der „produktiven“ Benutzungszeit durch den ArbeitgeberInnen
verschiebt. Wer früher arbeitet, arbeitet – sofern das Kapital es will – länger und kostet weniger. Derselbe Schuldenberg wird andere Studierwillige darüber belehren, dass es besser ist, gar nicht zu studieren, wenn das Studium sich nicht als absehbar lohnendes Investment ins eigene Humankapital kalkulieren lässt. Da wird die Kapazitätsüberlastung der Unis gleich ein wenig kleiner und der Platz in Seminaren, Labors und Bibliotheken ein wenig größer ausfallen. Auch so lassen sich Studienbedingungen verbessern!

Bildungsreform heute ist so etwa das Gegenteil dessen, was vor 40 Jahren unter diesem Namen bekannt wurde: Auch damals war die Staatsmacht mit den Leistungen der Intelligenz unzufrieden. Kaum zwei Jahrzehnte nach Ende des Weltkriegs legte Österreich einen kometenhaften Aufstieg als kapitalistischer Standort hin und begann sich mit anderen erfolgreichen Nationen zu vergleichen. Angesichts der Entdeckung, dass das österreichische Bildungssystem sehr viel weniger AbiturientInnen und HochschulabsolventInnen pro Jahrgang hervorbrachte als etwa das amerikanische, legte man sich die Auffassung zu, dass mehr akademisch gebildete Arbeitskräfte das Leistungspotential der Nation noch mehr heben müssten.
Damals hieß es, „Bildungsreserven ausschöpfen“. Und mit einer Menge Geld, das der Staat in den Ausbau von Gymnasien und Universitäten steckte, gelang es ihm ohne weiteres zu beweisen, dass viel mehr Menschen „begabt“ sind, als man vorher gedacht hatte.

Auch heute ist die Staatsführung unzufrieden mit der Ausbeute der Ressource Wissen – allerdings aus einem umgekehrten Grund: Heute ist alles im Überfluss da: Hunderttausende Arbeitslose aller Ausbildungsniveaus beweisen, dass es mehr als genug arbeitsame Dummköpfe, mehr als genug mittel- und höher Ausgebildete, mehr als genug Unis, Forscher, Forschungseinrichtungen gibt. Und alle leisten sie nicht, was die Nation bräuchte: Mehr Profit fürs Kapital, mehr Wachstum, mehr Attraktivität des Standorts für internationale Geldanleger, größere Vorsprünge in Sachen Produktivität vor dem Rest der Welt. Die politischen Verwalter des Kapitalstandorts erklären eines der Mittel der kapitalistischen Konkurrenz – Wissen – zum entscheidenden Grund für Erfolg und Misserfolg, lasten dem Bildungssektor Krise und Wachstumsschwäche des Kapitals an und versprechen sich von seiner Korrektur größere österreichische Erfolge auf dem Weltmarkt. Ohne dass die ExpertInnen bestimmte Defizite der akademischen Bildung anzugeben wüssten, steht daher fest: Der ganze Sektor leistet einfach zu wenig – für das Geld, was er kostet; und er kostet zuviel, für das, was er leistet.
Reform heißt nicht wie einst: Mehr Schulen, Unis, mehr Freiräume fürs Lernen und Forschen, damit der Staat jedem möglichen Wachstumsbedarf des Kapitals das passende menschliche und wissenschaftliche Angebot machen kann. Reform heißt jetzt: Für das Geld, das der Staat ausgibt, und in den Einrichtungen, die er längst geschaffen hat, mehr Leistung erzwingen. Und zwar durch eine dauernde ökonomische Gefährdung des erreichten Status auf Seiten der WissenschaftlInnen und durch mehr schuldenbedingten Zwang zum Erfolg auf Seiten der Studierenden.

PS: Wir empfehlen diesen Vortrag von Doku-Argudiss: Wie der Staat die Ressource Bildung bewirtschaftet

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Ein Gedanke zu “Der Staat spart – und wenn der Staat spart, dann schränkt er nicht sich ein, sondern andere, z.B. im Bereich der Bildung.

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