Lohnarbeiten bis 65 (oder 70)?

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Das Problem ist allseits bekannt: die Sozialversicherung (SV) bröckelt. Die Herrschenden wie auch ihre Medien verkünden, schuld sei der mangelnde Nachwuchs – aktuell die EU-Kommission. Da kann man wirklich nur erstaunt sein: schon jetzt finden wir überall in Europa Arbeitslosenheere, aber wir sind zu wenige?

Die Wahrheit ist: die Sozialversicherungssysteme kippen, weil die Lohnsumme kontinuierlich sinkt. Seit den 1960ern rationalisieren Unternehmen erfolgreich, steigern durch Automatisierung ihre Produktivität – und werfen Lohnabhängige in Massen auf die Müllhalde. Seit Mitte der 1970er herrscht nach ca. 25 Jahren Vollbeschäftigung bereits wieder Massenarbeitslosigkeit. Um nur ein Beispiel zu nennen: in den 1980er Jahren finden sich in der BRD, die damals ja noch kleiner war, über 2 Millionen Langzeitarbeitslose.

Wer keinen Lohn verdient, dem kann man selbstverständlich auch keinen Teil davon enteignen, um den der Sozialversicherung zuzuführen. Hier finden sich die gröbsten Einnahmenausfälle der SV. Gleichzeitig stagnieren seit Jahren die Löhne, in manchen Branchen sinken sie auch. Vor allem auch im vielgerühmten Deutschland verarmt die Masse: 2010 beginnt die tolle Mittelschicht schon bei 860 € netto / Monat (trotz Senkung der Lohnsteuer). Und wenn Löhne sinken, kann man natürlich immer weniger für die SV enteignen. Na klar.

Die Ursache des Debakels ist also, dass in dieser Wirtschaftsweise namens Marktwirtschaft Produktivität nichts ist, wovon alle profitieren – was man uns immer weismachen will -, sondern im Gegenteil: mit steigender Produktivität verarmen die Lohnabhängigen. Denn je mehr Arbeitslose, umso erpressbarer sind diese Arbeitslosen – und umso niedriger sind die Löhne.

Sowieso wird die Produktivität in der Marktwirtschaft nur zugunsten des privaten Gewinns der Unternehmen gesteigert – ne Maschine anzuschaffen, einfach nur, weil sie feiner ist für die Arbeitenden, das fällt keinem Unternehmen ein. Nein, da lässt man die LohnarbeiterInnen lieber jahrlang an den schädlichen, veralteteten Maschinen stehen, um Kosten zu sparen – auf Kosten der ArbeiterInnen, wie immer. Wenn diese LohnarbeiterInnen mit 50 Jahren dann vollkommen hin sind vor lauter miesen Arbeitsbedingungen, müssen sie in Invaliditätspension, was wiederum die SV in Anspruch nimmt. Nicht selten werden die Geschädigten dann noch als „Faulenzer“ verhöhnt.

Aufgrund der Erfolge der kapitalistischen Unternehmen verarmen die LohnarbeiterInnen also, sind mehr und mehr arbeitslos oder aber kriegen erbärmliche Löhne, von denen man mehr schlecht denn Leben kann – und das bringt auch die SV zum kippen.

Die Lösung soll nun  sein – es ist ein Witz sondergleichen -, dass alle länger arbeiten. Ne, is klar. Überall arbeitslose LohnarbeiterInnen, aber diejenigen, die mit Müh und Not, meist eh zu schlechtesten Bedingungen, einen Job ergattern konnten, sollen nun bis 65 oder 70 hackeln. Das ist witzig, weil man sich ausrechnen kann, wie die Arbeitslosigkeit weiter hochschnellt mit der Anhebung des Pensionsantrittsalters. Und Arbeitslose üben nochmal was aus? Genau: Lohndruck. Noch mehr Arbeitslose üben also was aus? Noch mehr Lohndruck.

Womit wir bei der Frage wären, zu welchen Bedingungen soll man da bis ins hohe Lebensalter lohnarbeiten? – Diese Frage taucht in der offiziellen Debatte so natürlich nicht auf. Was nicht heißen soll, dass nicht bekannt wäre, wie sich das so gestaltet.   Denn in der Marktwirtschaft gilt die allgemein anerkannte Regel: es kommt nur drauf an, ob ein Arbeitsplatz sich fürs Unternehmen rentiert, alles andere ist nebensächlich. Soll heißen: die Unternehmen stellen die Bedingungen, die Lohnabhängigen haben sich zu unterwerfen.

Wir freuen uns somit auf einen Lebensabend am Fließband der Klientel Veit Sorgers – ein paar Cent / Stunde dürften schon drinne sein. Hauptsache die Reichen werden reicher. Der Rest ist egal.  Fast. Denn wenn auch zu niedrigsten Löhnen nicht alle Lohnabhängigen ihre Arbeitskräfte loswerden, stellt sich für Neoliberale und Konservative noch eine ganze andere Frage. Zum Beispiel Frank Schirrmacher (FAZ):

Jemand, der zwangig Jahre länger lebt als von den Behörden vorhergesagt, ist nicht mehr finanzierbar. Das führt schließlich zur Frage der Euthanasie. (Schirrmacher 2004: 129f)

Denn, und das ist die Wahrheit: ein lohnabhängiger Mensch ist in der Marktwirtschaft nur solange lebenswert, wie er sich dem Gewinnstreben des Kapitals andient. Tut er das nicht (etwa weil es gar keine Jobs gibt): ist er nicht lebenswert.

Marktwirtschaft – das ist eben das mit „Wohlstand für alle.“

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2 Gedanken zu “Lohnarbeiten bis 65 (oder 70)?

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